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Felix Hausdorff - die Manuskripte
Die Geschichte der Auffindung vor 50 Jahren und ein Exkurs
Carl H. Heidrich
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Prolog
Der Anstoß
Studium in Aachen und Bonn
Erste Mitarbeiterstelle in Bonn
Hausdorff auf der Spur
Der Fund der Hausdorff Manuskripte
Der Mythos über die Hausdorff Manuskripte - auch 'Nachlass' genannt
Exkurs - Krulls Festschriftbeiträge - Die Einleitung
Exkurs - Krulls Festschriftbeiträge - Felix Hausdorff

Prolog

Zitat Grimmelsh 1914 veröffentlichte Felix Hausdorff die "Grundzüge der Mengenlehre". Der 100. Jahrestag wäre ein geeigneter Anlass zum Gedenken gewesen. Betrübnis überfällt einen aber, wenn man nach Gedenkveranstaltungen der Mathematiker sucht. Ich habe nur eine einziger Veranstaltung ausfindig machen können. Im Rahmen der
INFTY Final Conference - 4. bis 7. März 2014
in Bonn wurde für eine Veranstaltung mit folgendem Text geworben:

"A Hausdorff Afternoon will commemorate the publication of Felix Hausdorff's groundbreaking work "Grundzüge der Mengenlehre" exactly 100 years ago."

W. Purkert hat am 5. März 2014 einen einstündigen Vortrag "Hausdorff's 'Grundzüge der Mengenlehre' - a milestone in the development of modern mathematics" gehalten. Das war für die Bonner Mathematik, die so sehr ihre herausragende Position betont, da es die einzige Veranstaltung blieb, tatsächlich dürftig und traurig. Von der Universitätsspitze gab es offenbar auch keine Initiative.

Gerade nach der Vorgeschichte von Hausdorff in Bonn zur Zeit des Nationalsozialismus und der Zeit nach dem Krieg und dem Wiederaufbau hätte man mehr erwarten können. Mit meinem Beitrag kann ich ein wenig zur Aufhellung der Zeit beitragen. Die zu berichtenden Tatsachen und Ereignisse sind mit meinen eigenen mathematischen-logischen-philosophischen Interessen verbunden und zugleich sind sie durch Zufälle und Glück zustande gekommen. Die biografischen Teile überraschen möglicherweise. Sie sind zwar fürs Verständnis hilfreich, tatsächlich sind sie aber als Belege für die Widerlegung falscher Behauptungen und Irreführungen der wissenschaftlichen öffentlichkeit erforderlich.

Zu berichten habe ich auch von den Verirrungen, Fehlern und Täuschungen beteiligter Personen. Was in mir zugänglichen Texten zur Auffindung der Manuskripte zu lesen ist, täuscht den Leser über die wahren Tatbestände. Erstaunlich ist daran besonders, dass meine Frau und ich in den behandelten Jahrzehnten an der Universität Bonn tätig waren. Man hätte uns über das Vorlesungsverzeichnis finden können. Die Gründe, warum die Beteiligten das unterlassen haben, liegen in der Zeit des Nationalsozialismus ab 1935 und in der mangelnden Bereitschaft, sich dieser Vergangenheit zu stellen. Der Abschnitt der persönlichen Zeitgeschichte ist nicht kurz, Geduld ist nötig. Wenn Sie sich über den Umfang oder die Darstellungsweise wundern, es gibt dafür eine einfache Erklärung: Ich bin mit einer Historikerin verheiratet, das zeigt sich im Text.

Der windungsreiche Weg führte mich von meinen Studien zur Mengenlehre, der Logik und Grundlagenforschung und wechselnden Mitarbeiterstellen, die waren auch beim beginnenden Wirtschaftswunder sehr dünn gestreut, durch einen Anstoß von einem meiner Lehrer, W. Krull, zu Nachforschungen über Hausdorff.

Nach dem Tod Hausdorffs 1942 stellt sich eigentlich unvermeidlich die Frage, wie es mit Veranstaltungen zur Mengenlehre an der Universität Bonn weiterging. Nach der Zwangsemeritierung 1935 durch die Nationalsozialisten verschwindet der Name Hausdorffs schon seit dem Vorlesungsverzeichnis 1936. Toeplitz' Entlassung folgte im gleichen Jahr.
3Eck Felix Hausdorff
3Eck Otto Toeplitz

Die folgenden Veranstaltungen lassen sich in den Vorlesungsverzeichnissen der Universität Bonn nachweisen:
3EckBl  WS 36/37 Mengenlehre  Beck
3EckBl  WS 38/39 Mengenlehre  Beck
3EckBl  Trimester 1941 Mengenlehre  Krull
3EckBl  SS 42 Mengenlehre  Beck
3EckBl  1943 waren fast alle Dozenten im Kriegseinsatz
3EckBl  WS 43/44 Mengenlehre  NN angekündigt
3EckBl  WS 44/45 Mengenlehre  Bessel-Hagen
3EckBl  WS 46/47 Mengenlehre  Lorenzen
3EckBl  SS 47 Axiomatische Mengenlehre  Lorenzen
3EckBl  SS49/50 Mengenlehre  Lorenzen
3EckBl  WS 52/53 Einführung in die Mengenlehre  Lorenzen
3EckBl  SS 53 Mengenlehre  Sperner
3EckBl  WS 54/55 Mengenlehre  Krull
3EckBl  WS 55/56 Mengenlehre  Schöneborn
Danach fand bis zum WS 1963/64 keine Veranstaltung zur Mengenlehre mehr statt, später dazu mehr.

Der Anstoß

Auch ein Zufall brachte mich dazu, jetzt die Frage der Auffindung der Hausdorff Manuskripte zu beantworten. Im April 2014 zu Beginn des Sommersemesters habe ich die Webseite der Universität Bonn (Vorlesungsangebote) eingesehen, eine Gepflogenheit seit meiner Bonner Studien- und Mitarbeiterzeit. Dort fand ich zuerst ein Youtube-Video von T. Becker zu "Felix Hausdorffs Abschiedsbrief" und außerdem auf der Youtube Seite das Video "Das literarische Werk Paul Mongrés". Der Weg zum Findbuch des Hausdorff 'Nachlasses' in der ULB Bonn war sehr kurz. Die Information dort veranlasste mich dazu, die Vergangenheit wiederzubeleben und die Tatsachen vollständig zu berichten. Die folgende Geschichte ähnelt sehr einer satirisch-dramatischen Kriminaltragödie, für die ich nicht verantwortlich bin.
3Eck T. Becker
3Eck Paul Mongré

Der ursprünglich hier angegeebene Link zu Findbücher-Inhaltslisten Hausdorff ist von der Universitätsbibliothek verändert worden. Lesen Sie dazu später am Ende des Teils "Der Mythos ..." den Absatz "Und die Reaktionen ...". Im Zweifelsfall suchen Sie immer nach 'Sammlungen-Nachlässe'. Im Augenblick ist richtig:

3Eck Findbücher-Inhaltslisten Hausdorff

Studium in Aachen und Bonn

TH Aachen Zum WS 1957 wechselte ich nach drei Semestern von der RWTH Aachen zur Universität Bonn. Mein Interesse hatte sich zunehmend auf die Mathematik verlagert. Das Angebot war zur damaligen Zeit nicht so umfänglich wie heute sowohl in Bonn als auch in Aachen. Die Orientierung war naturgemäß auf die Ingenieurwissenschaften ausgerichtet. Im Archiv der Vorlesungsverzeichnisse der RWTH Aachen kann man das für die Studienjahre 1955, 1956 und 1957 nachlesen.
3Eck Vorlesungsverzeichnisse TH-Aachen

In den Lehrveranstaltungen der Anfangssemester saßen die Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen, es waren damals schon Massenveranstaltungen mit hunderten Hörern. Diese Struktur der Lehre in Aachen war ein Anlass zum Wechsel der Hochschule. Mich interessierten zunehmend die inneren Zusammenhänge der Bereiche der Mathematik. In den Veranstaltungen gab es dazu keine Hinweise, nur Eigeninitiative konnte weiterhelfen. Wie auch später noch öfter ebnete mir ein Zufall den Weg. Ich hatte mir - weil für mich erschwinglich - den mehrbändigen 'Lehrgang der höheren Mathematik' von W. I. Smirnow zugelegt. Mir hat das Werk sehr genutzt, sowohl in der Mathematik als auch in der Physik. Im Teil I, S. 410, erschienen 1956, und im Teil III,1, S. 275, erschienen 1954, finden sich Literaturhinweise auf Bände von N. Bourbaki, mit Hinweisen wie 'seien Mathematiker noch verwiesen auf...' Noch heute besitze ich den in einer Buchhandlung gefundenen 8 seitigen Prospekt der Bourbaki Edition. Kaufen konnte ich mir die teuren Einzelbände nicht, die 'Théorie des ensembles' kosten auch heute noch beim Springer Verlag € 39,99. Neben der Reihe, die damals noch bei der ÉDITIONS HERMANN erschien, fand ich preiswert von Felix Hausdorff die "Grundzüge der Mengenlehre" in der Ausgabe von 1949 bei der Chelsea Publishing Company N.Y. Das war mein erster Zugang zur Mengenlehre. Zu beiden Zugängen zitiere ich hier - ein Zufall ist es wohl kaum:
HAUSDORFF, Vorwort, S. v

"Nach diesem Programm glaube ich, daß das Buch von jedem, der über einige Abstraktion des Denkens verfügt, insbesondere oder außerdem von Studierenden der Mathematik in mittleren Semestern mit Erfolg gelesen werden kann;"

Bourbaki, Mode d'emploi de ce traité , aus Nr. 1

"Sa lecture ne suppose donc, en principe, aucune connaissance mathématique particulière, mais seulement une certaine habitude du raisonnement mathématique et un certain pouvoir d'abstraction. Néanmoins, le traité est destiné plus particulièrement à des lecteurs possédant au moins une bonne connaissance des matières enseignées dans la première ou les deux premières années de l´Université."

Auf Bourbaki komme ich weiter unten zurück.

Zum WS 1957/58 wechselte ich nach Bonn. Mit dem Wechsel nach Bonn hatte ich zusätzlich zu Mathematik und Physik als drittes Fach Philosophie - später zusammen mit Logik - belegt. In Aachen mussten wir Ergänzungsveranstaltungen in anderen Fächern belegen. Philosophie war schon Fach am Gymnasium und in Aachen hörte ich bei K. Delahaye, der später nach Bonn berufen wurde. Bis zum WS 60/61 hatte ich mich mit viel Energie auf Kernpysik bei W. Riezler - ich war bei ihm auch Hilfskraft - konzentriert, aber meine Interessen verlagerten sich auf die anderen beiden Fächer.
3Eck Wolfgang Riezler

Bei W. Krull belegte ich ganz erfolgreich die erste Veranstaltung in Bonn. Mein Interesse an Algebra verdanke ich ihm hauptsächlich. Krulls roter Faden in seinen Vorlesungen war das berühmte DIN A6 Notizbuch, was allerdings nicht verhinderte, dass er sich gelegentlich verrechnete. Nach Ende einer Vorlesung Algebra im WS 1959/60 riet er mir als vertiefende Lektüre zu E. Steinitz, Algebraische Theorie der Körper, die 1950 von R. Baer und H. Hasse neu bei der Chelsea Publishing Company N.Y. herausgegeben worden war. Ich war von der Klarheit und Eleganz des Textes begeistert und würde die Lektüre auch heute noch jedem Interessierten empfehlen. Original:
3Eck E. Steinitz Algebraische Theorie der Körper
3Eck Wolfgang Krull

Für den Fortgang meiner weiteren Studien, die zunehmend in Mathematik und Philosophie parallel verliefen, war die Entdeckung der Arbeiten Zermelos wichtig. Schon auf S. 2 der Mengenlehre und an einigen Stellen des Anhangs weist Hausdorff auf die Notwendigkeit der Benutzung von Wohlordnung und des Auswahlprinzips hin. Auch die Arbeiten Russells waren ihm bekannt. Bei Steinitz sind die Formulierungen deutlich schärfer gefasst, S. 8: "daß es Fragen in der Mathematik gibt, die ohne dieses Prinzip nicht entschieden werden können". Noch deutlicher zeigt das Steinitz im §19 ('Hilfsbetrachtungen aus der Mengenlehre' - ich würde gerne mal den Dozenten sehen, der den Inhalt dieses Paragraphen prägnanter formulieren könnte). Das Wesentliche liest man S. 98, Nr. "6. Die vollständige Induktion und der Wohlordnungssatz", wo er die Bedeutung von Zermelos Wohlordnungssatz hervorhebt. Wichtig sind aber auch die Erläuterungen von Baer und Hasse Nr. 115, 116 und 118. In 115 wurde ich zum ersten Mal auf die Arbeiten A. Fraenkels aufmerksam und begann meine Beschäftigung mit der Axiomatisierung der Mengenlehre. Auf die Axiomatisierung von Algebren, besonders Boolescher Algebren, komme ich bald zurück. Bei Krull habe ich in späteren Semestern meine Kenntnisse in Algebra und Gruppentheorie vertieft und auch die Seminarvorträge darüber bei ihm gehalten.

Die Mengenlehre erarbeitete ich im Selbststudium, sie wurde seit dem WS 55/56 bis zum Ende meines Studiums nach dem SS 62 in der Mathematik nicht angeboten. Ebenso verlief es mit der Erarbeitung der formalen Logik bis zum SS 60 (im SS 58 und WS 58/59 war ich beurlaubt). Hier war die Introduction to Logic von Suppes meine erste systematische Lektüre. Hausdorffs 'Mengenlehre' und die Arbeiten Cantors waren ständige Begleiter.
3Eck Georg Cantor
Eine digitale Version der 'Gesammelte Abhandlungen mathematischen und philosophischen Inhalts' befindet sich in:
3Eck Georg Cantor GA.
3Eck Patrick Suppes
Neben den drei Arbeiten Zermelos zur Mengenlehre von 1904 und 1908 hatte ich mich mit den 6-teiligen 'A System of Axiomatic Set Theory I-VI' von Bernays beschäftigt. Ab 1960 sofort nach dem Erscheinen kam dann die 'Axiomatic Set Theory' von Suppes dazu.
3Eck Ernst Zermelo
3Eck Paul Bernays

In der Philosophie hatte ich die notwendigen Grundlagenveranstaltungen zügig bewältigt. Ich fand bald Kontakt zu G. Martin, bei dem ich bis nach meinem Examen arbeitete.
3Eck Gottfried Martin

Suppes Bei Martin bekam ich nach den Veranstaltungen zu Platon, Leibniz, Kant, Hegel, Marx und Whitehead zunächst eine Stelle als Hilfskraft und nach dem Examen als wissenschaftliche Hilfskraft. Ein sehr kleiner Kreis von Studenten fand sich neben den Vorlesungen in Seminaren zusammen, in denen mehrere Semester lang intensiv über Wittgenstein, Quine, Husserl, Russell gearbeitet wurde. Sie wurden von den späteren Professoren E. K Specht und K. Hartmann geleitet.
3Eck Ludwig Wittgenstein
3Eck Willard Van Orman Quine
3Eck Edmund Husserl
3Eck Bertrand Russell
3Eck Alfred North Whitehead
3Eck E. K. Specht
3Eck Klaus Hartmann

Die dort erworbenen Kenntnisse, zusammen mit den mathematischen, waren für meine eigenen Arbeiten wesentlich und unverzichtbar. Ich war dort meist der einzige Mathematikstudent, also übernahm ich oft die Vorträge mit mathematischem Bezug, z.B. Auszüge aus den The Principles of Mathematics und den Principia Mathematica. Nach dem WS 59/60 begann der persönliche Kontakt zu Martin. Über die Beschäftigung mit der Mengenlehre Cantors und Zermelos hatte ich ihm berichtet und - das Glück war auch hier auf meiner Seite - ich erfuhr, dass er bei Zermelo in Freiburg studiert hatte. Er bot mir an, bei ihm eine Dissertation über Cantor und Zermelo zu schreiben und lud mich zur Teilnahme an seinem Doktorandenseminar ein.

Sowohl in Martins Vorlesungen als auch in den Seminaren wurde das Fehlen von Logikkursen offensichtlich. Martin bekam zunächst für ein Jahr eine Gastprofessur genehmigt, die R. M. Martin ab dem SS 60 wahrnahm. Im SS 61 übernahm G. Hasenjaeger die Veranstaltungen bis er am Ende des SS 62 zum b.a.o. Professor und zum SS 63 zum o. Professor ernannt wurde und gleichzeitig das Seminar für Logik und Grundlagenforschung eingerichtet wurde.
3Eck Richard Milton Martin
3Eck Gisbert_Hasenjaeger
R. M. Martin hielt Vorlesungen Formal Logic, Syntax, Semantics, Pragmatics und ein Seminar zur mathematischen Logik. Hasenjäger begann mit Aussagenlogik und Seminar zur Aussagenlogik später folgte u.a ein Seminar über Konstruktivität. Hasenjäger traf sich ausserhalb der Veranstaltungen oft mit einigen Studenten zu Gesprächen über Fachthemen. Daraus entstand bald ein informelles Seminar in der Lennéstrasse, später wurde es eine wichtige Runde.

Bis zum WS 61/62 erarbeitete ich umfängliche Texte zu Cantors und Zermelos Mengenlehre. Die Arbeiten mussten 1962 ruhen, da ich mich auf mein Examen zum WS 1962 vorbereitete. Die noch notwendigen Seminarvorträge hatte ich gehalten: einen Oberseminar Vortrag über Whiteheads Process and Reality, parallel dazu bei Krull einen Vortrag zu Cantors Mengenlehre und Zermelos Axiomatik sowie einen Vortrag über Verbände und Boolesche Algebren.

In meiner Examensarbeit bei Krull beschäftigte ich mich mit Booleschen Algebren und ihren Bezügen zu Logikstrukturen. Untersucht habe ich, wie sich Boolesche Algebren und spezielle Erweiterungen als Grundlage für Metatheorien von Logikstrukturen eignen. Dazu wurden die algebraischen Eigenschaften von Klassen von Mengenalgebren in Abhängikeit von der Benutzung/Nicht- des Auswahlaxioms betrachtet. Heute würde man die Arbeit unter Bezug auf die Veröffentlichungen von P. J. Cohen, D. Scott und S. Feferman als eine Untersuchung von Unterklasse von Boolesch-wertigen Modellen betrachten. Dazu später noch mehr.

Die Arbeiten an Cantors und Zermelos Mengenlehre umfassten die mathematischen, philosophischen und begriffsgeschichtlichen Aspekte der Veröffentlichungen. In Cantors Entwicklung hängen die drei Aspekte zusammen. In den Jahrzehnten 1870 und 1880 musste Cantor die Begrifflichkeit zur Mengenlehre erstmalig konzipieren. Cantor hatte philosophische Veranstaltungen besucht, und es finden sich zahlreiche Verweise auf philosophische Texte. In Halle hatte Cantor Kontakt zu E. Husserl. Das weitgespannte Interesse zeigt sich in den Thesen, die Cantor zu seiner Dissertation und Habilitation vertreten hat. Ein treffendes Beispiel findet sich auch in einem Brief Cantors an F. Klein vom 19. 10. 1886 (s. unten Nr. 442) :

"'Richtung' und 'Geschwindigkeit' sind meines Erachtens Accidentien der Bewegung, d. h. sie können auch fehlen, sie sind dem allgemeinen Bewegungsbegriff nicht wesentlich. Ich halte es für unmöglich zu beweisen, daß jede Bewegung notwendig mit Geschwindigkeit und Richtung behaftet sein müsse. Bewegung mit jenen Accidetien ist genau betrachtet ebenso unanschaulich und, wenn Sie wollen, ebenso dunkel, wie Bewegung ohne dieselben."

Für meine Arbeit habe ich einen Begriffsindex zu Cantors Texten in den Gesammelten Abhandlungen (Hrsg. von E. Zermelo, s. Link oben) erstellt. Die Belegstellen helfen zu verdeutlichen, in welchem weitgespannten Gedankenfeld sich Cantor für die Grundlegung der Mengenlehre bewegt hat. Als Beispiel zwei Bögen des Index, insgesamt 9 Bögen für sechs inhaltliche Gruppen:

Cantor1

Cantor2

Auch Archiv- und Nachlassrecherchen habe ich durchgeführt. Zu der Zeit konnte ich Kontakt zu einem Neffen Cantors herstellen, OStRat Stahl in Bad Godesberg. Nach seinen Auskünften befand sich der Nachlass Cantors bei Kriegsende im Besitz seines Bruders, von wo er durch die Besatzungsmacht nach Russland transportiert worden sein soll. Auf meine Anfrage vom 24. 07. 1963 an die Akademie der Wissenschaften der UDSSR über den Verbleib erhielt ich keine Auskunft. Allerdings fand ich in der Handschriftenabteilung der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek im Mathematiker-Archiv u.a. 22 Briefe Cantors an Franz Goldscheider sowie aus dem Nachlass F. Klein Briefe Cantors, Nr. 394 - 455, aus den Jahren 1880 bis 1899. Leider konnte ich wegen meiner geringen Ressourcen nur wenige Fotos anfertigen lassen. Allerdings habe ich Inhaltsangaben und Zitate angelegt, s. o., und als Beleg die 1. Seite des Briefes vom 18. 06. 1886. Er enthält die Blätter 4 - 9 und sie sind die Anlage zu einem Brief vom 18. 06. 1886, Blatt 2 und 3, an Goldscheider:

Cantor3

Cod. Ms. Math.-Arch. 47 : Bl. 4r.
Mit Erlaubnis der Georg-August-Universität Göttingen
Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen,

Ich habe mich allerdings zuerst mit Zermelos Arbeiten zur Mengenlehre befasst, soweit möglich in der zeitlichen Abfolge des Erscheinens. Ein Schriftenverzeichnis hatte ich erstellt, unten dazu mehr. Die Axiomatisierung der Mengenlehre und ihre Darstellung in logischen Kalkülen interessierten mich hauptsächlich. Die Lektüre von Abhandlungen anderer Autoren zum Thema, z.B. die Aufsätze von v. Neumann und Fraenkel, gehörte dazu und besonders die 7-teilige Serie der Artikel von P. Bernays, die er von 1937 an bis 1954 im JSL Vol. 2 - Vol. 19 unter dem Titel A System of Axiomatic Set Theory - Part 1 - Part 7 veröffentlicht hatte, s.o. (Eine gebundene Kopie der Artikel besitze ich noch immer.) Die Ausführungen in den Abschnitten 17 und 18 zu Unabhängigkeitsbeweisen mit Hilfe von Modellen gaben auch den Anstoß zu den Ideen, die in meiner Prüfungsarbeit vorhanden sind. Später 1964 hatte ich auf diesem Hintergrund eine Formalisierung der Cantorschen Mengenlehre mit dem Zermeloschen Axiomensystem erarbeitet. Im Unterschied zu Bernays hatte ich aber eine typentheoretische Grundlage für die Prädikatenlogik 1. Stufe benutzt.

Zuerst noch Hinweise zu Zermelo. Auch mit dem Nachlass Zermelos habe ich mich beschäftigt. Dieser lag 1960 in Freiburg, wo ich durch Prof. Gericke Zugang bekam.
3Eck Helmuth Gericke
Am 13./14. 09. 1960 war ich in Freiburg. Für den Nachlass hatte sich offenbar noch niemand interessiert.

Zermelo

Durch meine Frau war ich im Umgang mit Archivalien vertraut. Ein normalerweise vorhandenes Findbuch gab es nicht. Ein archivarisch korrektes Erfassen, Sortieren und Verzeichnen war in zwei Tagen nicht möglich, dafür hätte es Wochen bedurft. Es waren 10 Kästen vorhanden. Diese wurden gesichtet und ich habe für mich ein Verzeichnis der einzelnen Kästen angelegt. Einige Kurzinformationen:

Zusammen mit meiner Bibliografie konnten wir 32 Schriften Zermelos identifizieren. Das Verzeichnis im Nachlass enthält zum Teil keine Jahresangaben und stimmt in der Reihenfolge nicht mit den Jahresangaben meiner Bibliografie überein.
[Auf der Homepage von Ebbinghaus wird auf eine Monografie und die zwei Bände der Abhandlungen Zermelos verwiesen, die drei Bücher kenne ich nicht. Aus den abrufbaren Beschreibungen und den Inhaltsangaben kann man nichts über den Verbleib und den Zustand des Nachlasses von Zermelo entnehmen, s.
3Eck Homepage Ebbinghaus ]

Zum Schluss möchte ich hier noch den Text eines Fundes veröffentlichen. Wir fanden ihn im Kasten 8 unter der Korrespondenz: "Thesen - Über das Unendliche in der Mathematik". Aus der handschriftlichen Abschrift entstand das folgende Schreibmaschinenskript.
Das Datum '1942' wurde von Gericke und mir festgelegt. In der Korrespondenz findet sich ein Brief von A. Scholz vom 1. 10. 1942 mit Gegenfragen zu den Thesen, das vorhandene Datum '17. Juli 1921' hielten wir für einen Schreibfehler.

Zermelo Thesen

Erste Mitarbeiterstelle in Bonn

Ulysses2 Nach dem Examen wurde meine studentische Hilfskraftstelle in der Philosophie in eine wissenschaftliche umgewandelt. Im August 1963 nahm ich eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle am Institut für Instrumentelle Mathematik (IIM) an, es wurden Mitarbeiter gesucht. 1968 wurde das IIM in die GMD umgewandelt.
3Eck GMD - IIM
Das IIM war im Entwicklungsstadium, die Mitarbeiter sollten rechnerorientierte Arbeiten betreiben, möglichst promovieren, sich aber auch mathematisch weiterbilden. Da sich schon viele Mitarbeiter für angewandte Mathematik entschieden hatten, begann ich mit dem, was heute als Computerlinguistik und Linguistische Datenverarbeitung bezeichnet wird. Ich stellte eine maschinenlesbare Version von Wittgensteins Tractatus her, s.o., die erste überhaupt. Für die IBM 1410 und später für die IBM 7090 habe ich in Fortran bzw. FAP umfangreiche Programme zu Textstrukturanalysen geschrieben. Für den Text wurden 3800 Lochkarten benötigt, das Programmpaket umfasste 9969 Zeilen Code.

Wittgenstein

Zu der Zeit gab es in Bonn noch kein Informatikstudium, einzelne Veranstaltungen wurden zwar angeboten, aber die Mitarbeiter mussten sich alle Kenntnisse selbst erarbeiten.

Die Jahre ab 1963 wurden durch zwei Ereignisse bestimmt: Das Erscheinen des Unabhängigkeitsbeweises von P. J. Cohen und die Berufung von Jürgen Schmidt nach Bonn.

Über private Kontakte konnten wir eine Kopie des Typoscripts der Arbeit von Cohen bekommen, 32 S. Die Resultate sind dann in Band 50, 51 der PROC. N. A. S. p. 1143-8 und 105-10 veröffentlicht worden. Die Arbeit Cohens wurde in einem kleinen Kreis von Studenten über mehrere Monate Samstags zusammen mit Hasenjaeger in seinem Seminarraum in der Lennéstrasse 32a, Bonn, durchgearbeitet (Seminar für Logik und Grundlagenforschung). Die zum Verständnis notwendigen Voraussetzungen wurden von den Teilnehmern in Vorträgen erarbeitet. Da Hasenjaeger erst kurz in Bonn war, gab es zur Thematik bisher keine Veranstaltung von ihm. Im WS 1963/64 hielt er ein 'Seminar über Unentscheidbarkeit' (2 St. 19:00-21:00 Uhr), im SS 1964 eine Veranstaltung 'Unentscheidbare Theorien'. Die Cohenschen Ergebnisse haben wohl auch ein Umdenken in der Mathematik zur Folge gehabt. G. Martin hatte bei der Berufung von Hasenjaeger erwirkt, dass er auch die Venia in der Mathematik mit allen Rechten erhielt. Mit der Berufung von J. Schmidt wurde eine Abteilung für Grundlagen der Mathematik eingerichtet.
Eine exzellente Darstellung in The Continuum Hypothesis. Siehe auch :
Thomas Jech  Set Theory. 3. Edition, revidiert und erweitert, Springer, Berlin 2006, ISBN 3-540-44085-2.

Zitat Cohen

Das Lehr- und Seminarangebot von J. Schmidt war eine Bereicherung für die Bonner Mathematik.
3Eck Jürgen Schmidt

Für viele überraschend begann J. Schmidt seine Vorlesungsreihe im Sinne Bourbakis. Der Bourbakismus, besonders seine metatheoretischen Grundlagen, wurden in der Wissenschaftstheorie und deren logischen Grundlagen intensiv diskutiert, was den meisten Mathematikern nicht geläufig sein dürfte. Z. B. standen sich die radikal formallogischen Ideen R. Montagues den informallogischen von P. Suppes gegenüber.
Montague 3Eck Richard Montague
Nachzulesen in:
R. Montague 'Deterministic Theories' in der Sammlung R. H. Thomason (Ed.) 'Formal Philosophy - Selected Papers of R. Montague', 1974, p. 303-359
Und :
Patrick Suppes  'Representation and Invariance of Scientific Structures'
als PDF-Datei verfügbar unter
3Eck CSLI Lecture Notes No. 130, 2002 .

Schmidt begann im
3EckBl  WS 63/64 Mengenlehre  Schmidt
zum ersten Mal nach 1955. Er setzte sie mit 'Topologie I + II' und 'Analytische Geometrie I + II' bis zum WS 1965/66 fort. Völlig neu für Bonn waren seine Vorlesung und sein Seminar 'Allgemeine Algebra'. Im IIM wurden einige der Doktoranden angestellt, die Schmidt nach Bonn gefolgt waren. Durch sie wurde ich in den Seminarkreis bei Schmidt eingeführt. Hirzebruch Die 'Universal Algebra' füllte die Kenntnisse in Modelltheorie, die mir in meiner Prüfungsarbeit und bei der Verarbeitung von Cohens Arbeit fehlten. Im Seminar wurden Teile des gerade erschienenen Buchs von Paul M. Cohn Universal algebra, New York 1965, Harper & Row erarbeitet.
3Eck Paul Cohn
Für mich war es eine Wiederbegegnung mit der Thematik meiner Prüfungsabeit in einem neuen Kontext. Im Doktorandenseminar wurden Vorträge über neu erschienene mathematische Aufsätze abgehalten. Im SS 1966 hielten Schmidt und Hasenjaeger ein gemeinsames Seminar über allgemeine Algebra und Modelltheorie. Die in dem Wikipediaartikel zitierte Veröffentlichung J. Schmidt: Mengenlehre. Band 1 zeigt an vielen Stellen Schmidts Einstellungen sehr klar, und dass er auf dem Kenntnisstand der Zeit ist, auch heute noch ist der Band eine lohnende Lektüre.
Bis 1967 habe ich intensiv an mengentheoretischen Modellen und Unabhängikkeitsbeweisen gearbeitet und auch eine Vereinfachung des Cohenschen Verfahrens gefunden. Mein Material umfasste damals etwa 230 S.
1968 wechselte ich an ein anderes Universitätsinstitut, s. u., wo mich andere Aufgaben erwarteten.

Aus persönlichen Gesprächen mit J. Schmidt konnte ich entnehmen, dass er mit der Situation in Bonn nicht immer glücklich war, sein aufgeklärter, fortschrittlicher Ansatz kam nicht überall gut an. Sein Weggang nach Amerika war nicht ganz überraschend. Er löste allerdings bei uns allen große Betroffenheit aus.

Hausdorff auf der Spur

Nietzsche205 Am Freitag Nachmittag veranstalteten die Dozenten der Mathematik während der Vorlesungszeit in einer losen Folge ein Vortragskolloquium mit eingeladenen Gästen, an dem ich als Zuhörer oft teilnahm. Während der Teepause sprach mich im Frühjahr 1964 eines Tages W. Krull mit einer Bitte an. Er solle zum Universitätsjubiläum 1968 in der Festschrift einen Beitrag zu Hausdorff schreiben. Er bat mich, Daten zu Hausdorff zu suchen und ein Schriftenverzeichnis zu erstellen. Natürlich war ich überrascht. Krull wusste, dass meine Frau Historikerin war und wir Kontakte zu den Historikern hatten. Als Begründung schien mir die Idee nicht hinreichend, denn Krull hatte genügend eigene Mitarbeiter, ich habe seiner Bitte aber entsprochen.

Meine Frau riet mir, mich an das Universitätsarchiv zu wenden. Daher nahm ich Kontakt zu Max Braubach auf, der damals Leiter des Universitätsarchivs war. Er erlaubte mir, das Archiv uneingeschränkt zu benutzen und ausschließlich die Hausdorff betreffenden Daten zu nutzen und weiterzugeben. Hinsichtlich des freien Zugangs hatte ich Braubach gefragt, ob er keine Bedenken hätte, weil zur Zeit (Frühjahr 1964) eine heftige öffentliche Diskussion um die Aberkennung der Ehrendoktorwürde Thomas Manns ablief, diese setzte sich in diesem Jahr hinsichtlich anderer Personen der Universität und ihres Verhaltens in der Zeit des Nationalsozialismus fort. Als Leser von Die Zeit war man gut informiert. Link-Zeit Seine Antwort als Historiker war, sinngemäß, "man findet das, was vorhanden ist". Die Mitarbeiter des Archivs waren von Braubach instruiert und nach mühsamer Suche konnte ich Akten von Professoren aus der Zeit 1935 ff. identifizieren. Die Akten waren nicht geordnet, wohl noch eine Folge der Kriegszerstörungen. Auch die Teilung der Philosophischen Fakultät 1932 und die Abtrennung der Math.-Nat. Fakultät 1936 war in der Aktenlage nicht erkennbar. Die Informationen zur Person und den Schriften Hausdorffs habe ich aus verschiedenen Akten zusammengetragen. Es waren sowohl persönliche und familiäre Daten als auch der größte Teil der Schriften nachweisbar, durch Zeitschriftenrecherchen habe ich sie ergänzt und geprüft. Neben einer Biografie habe ich das Schriftverzeichnis zuerst in Zettelform (50) und dann in Schreibmaschinenform erstellt. Neu waren für mich die Informationen von Hausdorffs Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Paul Mongré und noch während der Recherchen konnte ich antiquarisch Das Chaos in kosmischer Auslese und Sant' Ilario - Gedanken aus der Landschaft Zarathustras erwerben. Ich besitze sie heute noch.

Die Akteninformationen zur Zwangsemeritierung und deren Folgen für Hausdorff, Toeplitz und andere Betroffene waren wie der zugehörige Kontext für mich völlig neu und bestürzend. Meinen Kenntnissen der Zeit des Nationalsozialismus fehlten die Details der Informationen, die ich in den Akten fand. Da ich die Erlaubnis hatte, schaute ich mir viele der Akten der Zeitgenossen und solche von Professoren an, die noch im Dienst waren, ich war tief betroffen. Weil ich mich immer noch an die Vereinbarung mit Braubach gebunden fühle, werde ich keine Details weitergeben.

Ob die seinerzeit vorhandenen Personalakten der in der Zeit von 1935 bis 1945 berufenen Professoren noch vorhanden sind und zugänglich gemacht werden können, weiß ich nicht. Eine Aufarbeitung der Zeit, wie etwa im Fall von Thomas Mann, wäre sicher aufschlussreich. Die Universität Bonn tut sich immer noch schwer, wie man daran sehen kann, dass sie auf ihrer Webseite unter dem Abschnitt "Universitätsgeschichte" zwar einen Abschnitt "Nationalsozialistisches Unrecht an der Universität Bonn" aufführt, aber dort keinen öffentlichen Zugang gewährt, jedenfalls nicht zum Zeitpunkt der Anfertigung dieser Veröffentlichung.

Einiges ist aber in öffentlich zugänglichen Texten zu finden, jeder kann dort selbst auf die Suche gehen. Die erste Quelle zur Auffindung von Personen sind die digitalisierten Vorlesungsverzeichnisse der Universität Bonn, zu finden in:

Vorlesungsverzeichnisse 1935-1949

spätere in:
Vorlesungsverzeichnisse 1918-2008 ohne 1935-1949 .

Man kann dann Nachweise über verschiedensprachige Wikipedia Einträge oder mit Hilfe von Suchmaschinen finden.

Nachfolgend noch eine Abbildung einiger Ausschnitte der verzettelten Bibliografie der Arbeiten Hausdorffs als Beleg. Weiter unten komme ich darauf zurück.

Zettel Hausdorff Bibl.

Der Fund der Hausdorff Manuskripte

Zitat Heine1 Die Recherchen im Universitätsarchiv hatten mein Interesse an den Vorgängen ab dem Jahr 1935 geweckt. Nach der Übergabe des Materials an Krull interessierte mich die interne Kommunikation in der Fakultät. Es gab Informationen zu üblichen Vorgängen (Lebensläufe, Ernennungen, Familienstandsänderungen, Erkrankungen, Beurlaubungen, etc.), allerdings waren sie aufgrund der Unordnung oft auf verschiedene Akten verteilt. So war es meist mühsam festzustellen, welche Kontakte und Beziehungen zwischen Personen betanden hatten. Wer hatte die Zwangsemeritierungen betrieben und wer hatte sich im Zuge der Zwangsemeritierungen für seine betroffenen Kollegen eingesetzt? Für mich waren die persönlichen Beziehungen Hausdorffs zu anderen Kollegen natürlich von Interesse. Dabei begegnete mir in mehreren Schriftstücken der Name des Bonner Ägyptologen Hans Bonnet. Ohne die Querrecherchen wäre ich nicht auf den Namen gestossen.
3Eck Hans Bonnet
3Eck Ägyptologie - 1.2.1 Deutschland unter dem Nationalsozialismus.
Im Frühsommer 1964 habe ich ihn aufgesucht, ich kannte ihn nicht. Seine Adresse entnahm ich dem Vorlesungsverzeichnis. Er war emeritiert und wohnte in der Beethovenstrasse. Ich habe ihm über die Hausdorffrecherchen und den Anlass dazu berichtet, auch darüber wie ich auf seinen Namen gestossen war, und fragte, ob er mir Details zu Hausdorff geben könne. Er war völlig überrascht und sagte, ich sei der Erste, der ihn auf Hausdorff angesprochen hätte, er habe sich seit Kriegsende darüber gewundert, dass sich niemand aus der Mathematik bei ihm erkundigt habe. Er eröffnete mir sofort, dass er Manuskripte Hausdorffs gesichert habe. Die Umstände erläuterte er mir im Detail und bot mir an, die Manuskripte zu übernehmen. Zu möglichen Erben konnte er keine Auskunft geben, ob die Tochter Lenore - die Daten kannte ich aus den Akten - noch lebe, wusste er nicht, er hätte nie etwas von ihr gehört. Die Manuskripte habe ich bei einem späteren Besuch übernommen, in unserem alten VW-Käfer abtransportiert und in unserer Privatwohnung in Bonn-Pützchen verwahrt. Auflagen hat es durch Bonnet nicht gegeben, es wurde auch keine 'Quittung' gefertigt, er selbst hatte sich mit dem Material nicht beschäftigt.

Krull habe ich mitgeteilt, das ich Manuskripte von Hausdorff durch Bonnet bekommen hätte. Was es damit auf sich hat, konnte ich ihm nicht sagen, da ich es noch nicht gesichtet hatte. Krull war nicht nur verblüfft, sondern - wie man so sagt - fiel er aus allen Wolken.

Hausdorff Bonnet hatte die Manuskripte in einzelnen Stapeln verwahrt. Ich habe sie so belassen und abtransportiert. Die einzelnen Stapel waren bei der Sichtung zuhause in einem absolut chaotischen Zustand, und ich konnte nicht abschätzen, was mich erwartete. Der Trümmerstaub lag noch zwischen den Stapeln und einzelnen Blättern. Bis in den Winter habe ich mich stapelweise mit dem Zusammenfügen und Sortieren beschäftigt. Es gab etliche erkennbar zusammengehörende Manuskriptbündel und eine Vielzahl kleiner Bündel, auch Einzelblätter, deren Zugehörigkeit zu einem Manuskript nicht einfach erkennbar war. Die Aufteilung der Stapel habe ich beibehalten, um mögliche Zuordnung von Einzelblättern nicht zu gefährden. Bald wurde der Lagermangel in unserer Wohnung in Pützchen und auch der notwendige Zeitaufwand deutlich. Bei der Suche nach Alternativen dachte ich an eine Weitergabe der Manuskripte an die Universitätsbibliothek oder das mathematische Institut. Natürlich hätte ich die Manuskripte auch behalten und die Bearbeitung in die Zukunft verschieben können.

Das Original des Hausdoff Bildes - 'Mongré' - stammt aus den Manuskripten; es ist das einzige Objekt, das ich behalten habe.

Im Oktober sprach mich Krull nochmal auf meine Rechercheergebnisse an und bat mich, die Bibliografie der Hausdorffarbeiten an Prof. G. G. Lorentz an der Syracuse University zu senden, es war ja meine Arbeit. Einen Grund oder Anlass nannte Krull nicht. Den Brief an Lorentz und die Beilage füge ich hier als Kopien an. Der Brief und das Verhalten von Lorentz wird in der zu berichtenden Geschichte noch eine Rolle spielen. Krull hat von mir keine Kopie meines Briefes an Lorentz bekommen.

Zu dem Blatt 1 des Briefes ist ein Hinweis nötig. Im Brief habe ich zum ersten und einzigen Mal das Wort Nachlaß benutzt. Später konnte ich es nicht mehr, wie sich unten zeigen wird. Da ich Lorentz nicht kannte, sah ich mich nicht zu ausführlichen Auskünften veranlasst und habe das Wort zur Abkürzung des Texts also im umgangssprachlichen Sinn benutzt. 1964, also knapp 40 Jahre nach Kriegsende, wusste weder Bonnet noch ich noch sonst eine der beteiligten Personen irgend etwas von einem Testament Hausdorffs. Bonnet, ein Ägytologe, und ich haben deshalb nur von Manuskripten Hausdorffs gesprochen. Der Umgang mit dem Wort ist weiter unten zu beachten. Aus dem 1. Blatt ist klar und eindeutig zu entnehmen, dass ich die Manuskripte gefunden habe und sie Ende Oktober 1964 bei mir lagerten.

Lorentz1

Lorentz2

Lorentz3

Lorentz4

Kurz vor Jahresende sprach mich Krull nochmals auf die Manuskripte an. Er bat mich, die Manuskripte dem Institut zu überlassen, ein Rechtsanspruch bestand ja nicht. Er bot mir die Lagerung in einem Stahlschrank im Magazin der Bibliothek der Mathematik in der Wegelerstraße 10 an, wo ich an der Sichtung und Sortierung weiterarbeiten könne. Es wurde im guten Glauben, leichtfertig und leider nicht schriftlich, verabredet, dass die Manuskripte in den Besitz des mathematischen Instituts übergehen sollten, sobald ich mich dazu entschließen würde. Beim Stand der Sichtung war die Bedeutung der Manuskripte noch nicht ganz deutlich. Unglücklicherweise, so sage ich es heute, wurden die Manuskripte von mir in die Bibliothek gebracht. Ich hatte einen eigenen Arbeitstisch und habe dann immer wieder an der Sichtung gearbeitet, der Schrankschlüssel wurde von der Bibliotheksaufsicht aufbewahrt. Krull hätte auch jederzeit die Manuskripte einsehen können. Im Frühjahr 1965 fand ich eines Tages folgende Situation vor: Der Archivschrank war geöffnet, am Arbeitstisch saß eine Person und beschäftigte sich mit den Manuskripten. Er stellte sich als Bergmann aus Münster vor. Er stellte lapidar fest, er übernehme künftig die Arbeit an den Manuskripten, das habe Peschl so festgelegt und ich hätte keinen Zugang mehr zum Stahlschrank.

Was wirklich im Hintergrund abgelaufen war, blieb für mich damals im Dunkel. Vermutlich hat Lorentz Krull über den Inhalt meines Briefes unterrichtet, das würde die plötzliche Einschaltung von Bergmann erklären. Meine weiteren Ausführungen unten werden einiges erhellen. Offenbar hatte ich die Bedeutung der Hintergrunderkenntnisse aus der Lektüre der Personalakten des Archivs für die Zeit 1939 bis 1940 falsch eingeschätzt, oder den Betroffenen wurde klar, dass ich nicht so naiv war, wie sie wohl angenommen hatten. Weizel, Peschl und Krull waren alle in diesem Zeitraum, d.h. nach den vorangegangenen Zwangsemeritierungen, nach Bonn berufen worden. Es wird sich zeigen, dass mit der Hinzuziehung von Bergmann und Lorentz ein Plan verbunden war.

Da ich keine gerichtsfesten Belege der Übergabevereinbarung mit Bonnet und Krull hätte vorlegen können, konnte ich mich nur zurückziehen.

Wie oben gezeigt, widmete ich mich meinen eigenen Arbeiten und brach - außer zu J. Schmidt - alle Kontakte zu Krull ab. Die Beschäftigung mit mathematischer/formaler Linguistik habe ich parallel intensiviert. Anlass dazu bot auch der Tatbestand, dass G. Martin sein langjähriges Projekt einer digitalen Ausgabe der Werke I. Kants in Angriff nahm. Natürlich kannte Martin meine digitale Bearbeitung von Wittgenstein. Über den Stand der Arbeiten am digitalen Kant war ich durch meine Kontakte zu Mitarbeitern am Projekt und Seminaren von Martin gut informiert. Die Herstellung der Lochkarten wurde von den Projektmitarbeitern im damaligen Institut für Phonetik und Kommunikationsforschung (später Institut für Kommunikationsforschung und Phonetik - IKP) in der Adenaueralle 98 erstellt. Dort nahm ich gelegentlich an Seminarveranstaltungen teil. Nachdem ich auf Einladung des damaligen Institutsdirektors, Gerold Ungeheuer, Vorträge gehalten hatte, bot er mir im Sommer 1968 eine Mitarbeiterstelle für den Bereich Formale Linguistik an, die durch eine Wegberufung eines Mitarbeiters frei wurde.
Dieser, H. Schnelle, hatte im IKP mit dem Aufbau eines solchen Bereichs begonnen.
3Eck Helmut Schnelle
3Eck Gerold Ungeheuer
Das Angebot habe ich angenommen, denn es stand die Auflösung des IIM bevor, das 1968 in die GMD überführt wurde. Im IKP schloss ich meine Promotion ab, leitete die Forschungsgruppe Formale Linguistik und hielt dazu sowie, mit Einverständnis von Hasenjäger , Lehrveranstaltungen auch in formaler Logik. Ich war im IKP bis zu meiner Pensionierung im Sommer 1997 tätig.

Der Mythos über die Hausdorff Manuskripte - auch 'Nachlass' genannt

Heine2 Erhellend, kurios und teilweise satirisch sind diverse Beiträge zu lesen, in denen man sich zum Vorhandensein des Hausdorffschen Nachlasses auslässt. Die nachfolgende Darstellung wird die phantastische Geschichte der Verwandlung meines Zufallsfundes in die Mythologie eines vom Himmel gefallenen Nachlasses durch Bergmann, Lorentz und Krull aufzeigen. Anderen Beteiligten kann man wegen Unkenntnis der Wahrheit nichts vorwerfen.

Zur Einstimmung ein Beispiel vereinfachender Unverbindlichkeit in einer Webseite der Universität Bonn.
Der Artikel findet sich in der Linkhierarchie unter : Auf den Spuren von Felix Hausdorff
Dort erfährt man:

"Nach dem Krieg werden die Originalwerke zunächst für fast 20 Jahre vergessen, gelangen ins Bonner Mathematische Institut, später nach Münster und werden schließlich 1980 an die Bonner Universitäts- und Landesbibliothek verkauft."

Das ist doch mal eine präzise Information von René Wiegand vom Februar 2008: Warum und von wem vergessen, wie und durch wen gelangten die Werke ins Institut, wie und von wem wurden sie nach Münster verbracht und auf welcher Rechtsgrundlage wurden sie verkauft? Ein Beispiel von wissenschaftlicher Präzision und Arbeitstechnik ist der Text nicht.

Wichtig sind folgende Beiträge:

Die drei Beiträge im JDMV hat die Redaktion mit einer Vorbemerkung, 'Felix Hausdorff zum Gedächtnis', eingeleitet. Sie ist als solche schon aufschlussreich. Aus den redaktionellen Vorbemerkungen erfährt man:

"... Herrn Bergmann, der den Bericht von Herrn Lorentz aus dem Englischen übertragen, erweitert und das ganze koordiniert hat, ..."

das ganze koordiniert heisst dem Sprachgebrauch der Redakteure folgend: Bergmann hat die zitierten Beiträge auch redigiert, wie man aus den vagen und doch passenden, folgenden Zitaten ableiten kann.

Der erste Beitrag stammt von G. G. Lorentz, Das mathematische Werk von Felix Hausdorff, S 54 (130) - 62 (138).
Mein Brief an Lorentz ist datiert : 27. Oktober 1964, die Artikel wurden 1967 veröffentlich.
Allmählich wird der Plan deutlich. Wie es zu dem Zusammengehen von Bergmann, Lorentz und Bonnet kam, bleibt mir ein Rätsel. Krull hat die Verbindung hergestellt, sonst hätte er mich nicht den Brief schreiben lassen. Wie oben gesagt, nur Lorentz kannte meinen Brief. Krull wurde 1967, Weizel 1969 und Peschl 1974 emeritiert.
Zur Lorentzschen Darstellung des "mathematischen Werks" ließe sich einiges sagen, hier ist kein Anlass dazu.

Lorentz ist meinem im letzten Absatz meines Briefes geäußerten Wunsch nicht nur nicht nachgekommen, er hat, wie man sich am Ende seines Beitrags überzeugen kann, meine Bibliografie, s. o., mit einer Umstellung (2 Einträge 'Mengenlehre'), unter Weglassung der letzten 4 Abschnitte, mit allen von mir entworfenen Abkürzungen ohne Angabe der Autorenquelle übernommen. Es ist ein Plagiat und zeigt die damals benutzten Methoden. Darüber hinaus sind aus dem Beitrag Lorentz die von Bergmann vorgenommenen Erweiterungen nicht erkennbar.

Der Beitrag von Bergmann steht in den JDMV Bd. 69 auf S. 62 (138) - 75 (151). Dort liest man:

Als ich in Bonn eine Probe der Handschrift Felix Hausdorffs suchte, um für einen Nachruf ein Faksimile herstellen zu können, erfuhr ich von der Existenz eines ziemlich umfangreichen handschriftlichen Nachlasses.

Hier, wie auch im Titel, fällt nun plötzlich der Nachlass vom Himmel. Den Zeitpunkt des Besuches erfährt man ebensowenig wie die Informationsquelle. Später benutzt Bergman Zeitangaben, die nicht zueinander passen. Vor Ende 1964 kann Bergmann von nichts wissen, da außer Bonnet, Krull, Lorentz und mir niemand etwas wusste. Weiter sagt Bergmann dann:

"...die Hausdorffschen Manuskriptreste - über zehntausend handgeschriebene Seiten. Diese wurden später vom Mathematischen Institut der Universität übernommen. Auf meine Bitte erhielt ich die Genehmigung für die Ordnung des Materials, wobei in der ersten Zeit Herr Studienreferendar Carl-Heinz Heidrich mithalf."

Hier blüht der Mythos auf: Wer das Material gefunden hat und wer es weitergegeben hat, wird nicht erklärt. Zu der 'Genehmigung' habe ich mich oben geäußert. Ich war nie 'Studienreferendar' - s.o. - und ich habe Bergmann nie geholfen. Sowohl Krull als auch Peschl hatten Assistenten und Hilfskräfte. Warum sollte ich Hilfestellung leisten, ich war kein Mitarbeiter des mathematischen Instituts.

Die zitierte Namensform ist falsch. Ich habe zwei Vornamen, benutze den Namen wie in der Verfassernennung, vgl. Brief an Lorentz. Woher das 'C' im ersten Vornamen kommt, kann Bergmann nicht wissen, es entspricht nicht dem amtlichen Namen. Wegen solcher Fälschungen habe ich die einleitenden biografischen Abschnitte geschrieben. Eine gröbere Vertuschung der Tatsachen kann man sich schwer vorstellen, es gibt weiter unten noch Steigerungen davon.

Der Beitrag von Bonnet ( † 1972) beginnt so:

"Bestimmungen über seinen wissenschaftlichen Nachlaß hat Felix Hausdorff nicht getroffen."

Das stimmt mit meinen Angaben zu dem Treffen mit Bonnet überein. Den weiter unten zitierten Abschiedsbrief kannte er nicht. Bonnets Beitrag endet so:

"Als ich den Bestand dem Mathematischen Institut übergab,..."

Wann, wie, durch wen, an wen und unter welchen Bedingungen, wieder erfährt man nichts. Aber es passt gut zu Bergmanns o.a. Zitat. Hier liegt wieder eine Fälschung vor und später formuliert Bergmann den Vorgang ganz anders.

Die Formulierungen, die die mythische Verwandlung der Manuskripte beschreiben, lauten immer übernommen oder übergeben. Dazu zwei Beispiele, bevor ich zu den Beiträgen Neuenschwanders komme.

Im Findbuch der ULB Bonn hat Purkert ein Vorwort verfasst, 21.12.1995, also ein Jahr vor Brieskorns Buch, dort findet man zwei Stellen, Ansonsten verweist er auf die Artikel im o.a. JDMV:

"Prof. Dr. Günter Bergmann (Münster) hat den Nachlaß Hausdorffs 1964 vom mathematischen Institut der Universität Bonn übernommen, um ihn zu bearbeiten."

Also, die 'übernommenen' Manuskripte wurden nun weiter 'übernommen'. Wie kann das denn sein? Und dann:

"1980 konnte die Universitätsbibliothek Bonn durch Vermittlung von Prof. Bergmann den Nachlaß Hausdorffs erwerben. 1992 wurde der Nachlaß von Hausdorffs Tochter Lenore König der Universitätsbibliothek Bonn übereignet,..."

Wieso kann Bergmann die 'übernommenen' Manuskripte verkaufen? Wenn die ULB Bonn die Manuskripte erworben hat, kann Sie von einer anderen Person nicht 'übereignet' werden!

Im Artikel Der Nachlass von Erich BesseI-Hagen im Archiv der Universität Bonn von Neuenschwander finden sich Stellen zu Hausdorffs Manuskripten, die mit den Ausführungen in seinem Beitrag in Brieskorns Band übereinstimmen. Dort behandele ich sie. Eine Stelle auf S. 389 könnte für Irritation Anlass geben:

"Im Dezember 1981 gab das Bonner Mathematische Institut Bessel-Hagens wissenschaftlichen Nachlass zusammen mit den damals noch am Institut verbliebenen Teilen der Nachlässe von Felix Hausdorff und Otto Toeplitz an das Universitätsarchiv Bonn ab."

Es ist keine von Bergmann-Purkert abweichende Version und Jahreszahl der Übergabe. Der Bessel-Hagen Nachlass enthielt Manuskripte Hausdorffs, die Bessel-Hagen offenbar mit eigenem Material vermengt hatte.

Zur Überleitung auf den Band von Brieskorn verweise ich auf Wikipedia. Zwei Belegstellen des Wikipedia Artikels zu Hausdorff bringen auch kein Licht in die Sache, (die englische Version ist an den Stellen identisch), aber nennen die Herkunft der Information:

"Seinen handschriftlichen Nachlass übergab er zwischen der Bestellung ins Zwischenlager und der Selbsttötung dem Ägyptologen und Presbyter Hans Bonnet, der diesen trotz Zerstörung seines Hauses durch einen Bombentreffer weitestgehend retten konnte"

und

"Der handschriftliche Nachlass wurde von einem Freund der Familie, dem Bonner Ägyptologen Hans Bonnet, zur Aufbewahrung übernommen. Er befindet sich heute in der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn"

Diese Zitate beziehen sich auf den Beitrag von Erwin Neuenschwander Felix Hausdorffs letzte Lebensjahre nach Dokumenten aus dem Bessel-Hagen-Nachlaß, der in E. Brieskorns "Felix Hausdorff zum Gedächtnis, Bd. 1", S. 253 ff, abgedruckt ist. Aus dem in beiden Artikeln erwähnten Abschiedsbrief an Hans Wollstein, den ich zum Zeitpunkt meines Kontaktes zu Bonnet nicht kannte, und der nach Neuenschwanders Ausführungen lange unbekannt war, S. 260, kann man entnehmen, dass er seinen Schwiegersohn, Arthur König, als Erben eingesetzt hat. Das Testament selbst ist wohl nicht bekannt.

Bemerkung zum Abschiedsbrief Hausdorffs : In dem oben zitierten Youtube Beitrag Beckers von 2014 wird der Fund des Abschiedsbriefs von Hausdorff beschrieben. Es ist nicht erkennbar, dass Becker die Veröffentlichung des Originals bei Neuenschwander von 1996 kannte. Zu beachten ist allerdings, dass Becker als Archivleiter erst ab dem SS 1996 im Vorlesungsverzeichnis gelistet ist. Was mit dem Bessel-Hagen Nachlass seit Neuenschwanders Archivrecherchen geschah, konnte Becker nicht wissen. Beckers Aussage stimmt nach der Veröffentlichung Neuenschwanders so nicht. Neuenschwander sagt in seinem Text S. 253:

"AnschlieBend soIlen die erschtütternden Zeugnisse über Hausdorff und dessen von uns im Bessel-Hagen-Nachlaß entdeckter Abschiedsbrief im Original vorgesteIlt werden."

Weiter auf S. 260:

"Hausdorffs eigener, lange Zeit verschollen gewesener Abschiedsbrief an den jüdischen Rechtsanwalt Hans (Lot) Wollstein ist in Anhang I wiedergegeben."

Neuenschwander druckt den Abschiedsbrief auf S. 263 ab und ab S. 265 findet man ein Foto des Abschiedsbriefes auf drei einzelnen Blättern. In der Titelzeile vor dem Abdruck findet sich eine Fußnote, Nr. 13, dort sagt Neuenschwander:

"13 Das Original von Hausdorffs Abschiedsbrief befindet sich heute im Archiv der Universität Bonn bei den von Bessel-Hagen gesammelten Hausdorffiana (vgl. Anhang 2). Nach einer brieflichen Mitteilung des Stadtmuseums Bonn wird Hausdorffs Abschiedsbrief in einem Zeitungsartikel der Kölnischen Rundschau vom 18. Oez. 1948 ... zwar erwähnt ..., der Brief selbst konnte jedoch bisher nicht aufgefunden werden. ..."

Nach der Webveröffentlichung dieses Textes habe ich von Neuenschwander einige Zusatzinformationen erhalten. Neben der oben erwähnten Historia Mathematica Publikation gab es zum Fund des Abschiedsbriefes 1992 ein Preprint an der TH Darmstadt. Der Fund des Abschiedsbriefes war auch dem seinerzeitigen Archivleiter Dr. Paul Schmidt bekannt. Die Blätter des Abschiedsbriefes waren nicht gelocht. Paul Schmidt war es auch, der mir bei meinen Recherchen zu Hausdorff behilflich war.

Das Video zeigt in einem Kameraschwenk einmal die erste Seite des Briefes und gegen Ende einen Schwenk über die Seiten zwei und drei. eine merkwürdige Kameraführung. Sonst werden nur Teile gezeigt. Das Exemplar Beckers unterscheidet sich wesentlich von Neuenschwanders Abbildungen des Briefes. Dieses ist bei allen drei Seiten ungelocht, Beckers Exemplar (aus dem o.a. Video ausgeschnitten) ist auf Seite 1 gelocht und zeigt, dass S. 2 + 3 zusammenhängen und gelocht sind. Mir scheint das als archivarisches Verfahren und unter Berücksichtigung der Bedeutung des Stückes doch sehr ungwöhnlich.

ABSBriefHdorff

Überdies zeigt Beckers Beschreibung der Umstände, dass die Aktenlage zum Zeitpunkt des Fundes ähnlich war, wie zur Zeit meiner Recherchen 1964.

Den Beitrag Neuenschwanders empfehle ich nachdrücklich, er enthält auch für die nachfolgende Darstellung wichtige Hinweise. Zwei möchte ich hier vorwegnehmen. Zuerst etwas Biografisches, S. 254:

"Nach Hausdorffs Tod schreibt er(B-H) am 2. März 1942 an Maximilian Pinl, daß er in Hausdorff einen "lieben Freund verloren" habe und daß ihm Beck und Krull beide zu wesensfremd seien, um mit ihnen behaglich plaudern zu können."

Das Zweite belegt, dass der Nachlass tatsächlich bei Bonnet lag, S. 260.

"die Manuskriptkästen zu dem Ägyptologen Hans Bonnet, einem Freund von Hausdorff, der in seiner Wohnung genügend Platz zur Unterstellung der Manuskripte hatte.7 "

Brieskorns Band erschien 1996, die nachfolgend zitierten Belege stammen aus früheren Jahren. Faszinierend ist die in meinem Berufsleben wiederkehrende Beobachtung, dass Autoren die Beiträge von Kollegen zum gleichen Thema nicht kennen und lesen. Auf S. 261 findet man bei Neuenschwander:

"Nach dem Krieg blieb Hausdorffs Nachlaß zunächst während beinahe 20 Jahren im Hause Bonnet, wo er von keinem einzigen Mathematiker eingesehen wurde, bis er 1964 auf Drängen von Bonnet und Bergmann zunächst im Mathematischen Institut der Universität Bonn deponiert wurde, wo ihn letzterer zwecks Publikation von Hausdorffs ,Nachgelassenen Schriften' [5] bearbeitete."

Der erste Nebensatz stimmt genau überein mit Bonnets Äußerungen mir gegenüber. Im zweiten Nebensatz ist die Jahreszahl '1964' wichtig, die ändert sich in einem anderen Beitrag. Vom 'Drängen' liest man in Bonnets oben zitiertem Beitrag nichts, auf das 'Drängen von ...' komme ich unten zurück. Neuenschwander schließt sich ansonsten dem Mythos an.
Darauf folgt eine Formulierung, die mit der obigen Formulierung Purkerts nicht zusammenpasst.

"Von dort wurde er 1969 zur weiteren Bearbeitung nach Münster überführt, von wo er schlieBlich 1980 von Bergmann im Einverständnis mit den Erben und zu deren Gunsten an die Bonner Universitätsbibliothek verkauft wurde.12 "
"12 Briefliche Mitteilungen von Günter Bergmann vom 8.2.1990 und 3.12.1991.

In Brieskorns Band findet man als vorletzten Beitrag einen weiteren von Bergmann, S. 271.

Bevor ich dazu komme, empfehle ich dringend, sich ein Bild von Bergmann zu machen. Man kann es sich durch die Biografie verschaffen, die der Fachbereich Mathematik der Uni Münster (http://wwwmath.uni-muenster.de/historie/), dort unter '7. Ehemalige Professoren 1945 - 1969 (z. Zt. S. 250) Günter Bergmann, S. 254 veröffentlicht hat.

Zwei Zitate aus dem Münsteraner Text:

"Von 1964 bis 1969 sicherte, ordnete und dokumentierte er den aus über 15.000 handschriftlichen Seiten bestehenden wissenschaftlichen Nachlass seines akademischen Lehrers Felix Hausdorff"

"1980 verkaufte Günter Bergmann diesen Nachlass, den ihm Hausdorffs Tochter Lenore König 1973 geschenkt hatte, an das Land Nordrhein-Westfalen; den Erlös stellte er Frau König zur Verfügung."

Wie Bergmann zu dem 'Nachlass' kam, erf#hrt man hier nicht. Den Nachlass hat nach dem Krieg zuerst Bonnet gesichert und danach ich, 1964 war der Nachlass noch bei mir. Nach der Emeritierung von Krull und Peschl hatte Bergmann freie Hand, 1980 hatte wohl niemand mehr die Vorgeschichte in Erinnerung.

Bergmann hat mir den Nachlass gestohlen und nach Münster verbracht, zum Verkauf hatte er deswegen kein Recht. Wie es zu dem 'Geschenk' kam, ist nicht nachvollziehbar. Im Nachlass Lenore Königs in der ULB Bonn konnte ich keine Belege dafür finden. Die tatsächliche Vorgänge hat er Lenore König verschwiegen. Ob und welcher Erlös weitergegeben wurde, lässt sich kaum noch prüfen.

Nach allem bisher Zusammengetragenen liefert der Beitrag Bergmanns auf S. 271 ff. in Brieskorns Band die folgenden Pointen (die Zeilenaufteilung des Zitats '-' zur besseren Erkennung derselben):

"- Als ich 1963 nach Bonn kam, um nur ein paar Schriftzeichen von Hausdorff zu finden ...

- erfuhr ich zu meiner Uberraschung von E. Peschl, daß sich eine ganze Kiste voll von Schriftstücken bei H. Bonnet befände; "vielleicht rückt er etwas heraus."

- H. Bonnet erklärte mir dagegen, vor ein paar Monaten seien die Manuskripte nach zahlreichen an W. Krull und E. Peschl gerichteten Aufforderungen

- endlich von einem jungen Mann (im Pkw) abgeholt worden.

- Weitere Recherchen ergaben, daß es sich bei dem Abholer um eine Hilfskraft von W. Krull handelte.

- Auf meine Bitte wurde der W. N. nunmehr in das Mathematische Institut transportiert, wo ich einen Arbeitsplatz erhielt."

Wie sagte Dieter Hildebrandt "Da hab' ich aber eine Staune!"

( Dieter Hildebrandt über Ursula von der Leyen, Zeit 3:30 ',
https://www.youtube.com/watch?v=q31JHhCOuN8 ).

1963 wusste nur Bonnet von 'dem Nachlass', Peschl wusste es nicht, sonst hätte er ihn ja früher abholen können. Es bestätigt aber, wie oben gesagt, dass Peschl einer der Akteure war. An Krull und Peschl als Nachfolger der von den Nationalsozialisten verfolgten Toeplitz und Hausdorff soll Bonnet geschrieben haben? In seinem o.a. Beitrag in den JDMV schreibt er dazu nichts.

Der ganze Zeitablauf ist eine Erfindung Bergmanns, zumal sonst immer nur der Bezug auf 1964 auftaucht. All das passt nicht zu meinem Briefbeleg. Auf einmal taucht ein unbekannter 'junger Mann im Pkw' als 'Hilfskraft von W. Krull' auf. Bergmann aber bestätigt indirekt meine Version. Woher weiß er das wohl? Ich habe 'den Nachlass' nicht im Auftrag von Krull oder Peschl abgeholt und war weder je Studienreferendar noch damals Hilfskraft.

In dem Beitrag findet man vor dem obigen Zitat mit Bezug auf Hausdorffs Tochter Lenore Konig:

"Daraufhin bot sie mir 1973 das Nachlaß-Paket als Geschenk an. Im ersten Moment noch zögernd, ging ich doch darauf ein ..."

Im Textteil, der dem Zitat folgt, finden sich Sätze wie:

"Ab Mitte 1969 befand sich der W. N. also in Münster."

"Nach 10 Jahren fühlte ich mich, in zwischen als Eigentümer,..."

Man muss wohl bezweifeln, dass der Mathematiker Brieskorn die drei Beiträge im JDMV kannte, jedenfalls hat er die Vorgeschichte der Manuskripte in der Version Bergmanns geglaubt. Dass er die Verwandlung der Manuskripte aus der Hand Bonnets in das 'Eigentum' von Bergmann nicht erkannt und beanstandet hat, ist nicht nachvollziehbar.

Schließlich noch eine kurze Bemerkung zum dritten Beitrag von Claus Hertling, S. 283 ff., Verzeichnis der mathematischen Schriften Felix Hausdorffs. Wenn man die Liste mit meiner Bibliografie vergleicht, stellt man fest, dass sie bis auf wenige Änderungen am Schluss vollständig meiner entspricht. Also noch ein Plagiat - aber eins von einem Plagiat, dem von Lorentz. Mir sind das etwas zuviel Zufälle.

Zu den Eigentumsverhältnissen und der Tochter L. König habe ich mich oben geäußert, ich überlasse es dem Leser, sich selbst ein Bild zu diesem Mythos zu machen. Die Ungereimtheiten, nicht nur in den Zeitbezügen, die sich bei der Lektüre der zitierten publizierten Artikel unmittelbar ergeben, scheinen niemandem aufgefallen zu sein. Niemand hat die Gründe der Ereignisse hinterfragt, es fehlt durchweg das klassische Muster jeder Information : Wer, was, wann, wo, warum. Vielleicht war es auch zu peinlich, an die dunkle Vergangenheit des NS-Regimes erinnert zu werden. Wie oben schon angedeutet, alte Verbindungen, heute sagt man Seilschaften, bestanden offenbar noch, sonst lassen sich die Handlungen nicht erklären. Bergmann war zuerst Dozent und dann apl. Professor in der Mathematik in Münster/NRW. Bergmann hatte freie Hand, die restliche Kollegenschaft wusste entweder nichts oder wollte nichts von den Aktivitäten Bergmanns wissen.

Und die Reaktionen ... ?
Die erste Fassung dieses Textes habe ich am 07. 09. 2015 auf unserem Webserver veröffentlicht. An diesem Tag habe ich mit E-Mail fünf Personen, teils auf deren Wunsch, über die Webveröffentlichung informiert, auch den Verantwortlichen für die Nachlässe. Zum Zeitpunkt dieser Textfassung kann ich feststellen, dass die Universitäts- und Landesbibliothek Bonn die ursprüngliche Webadresse des Findbuches der Hausdorff Manuskripte geändert hat. Beim Aufruf der nicht mehr gültigen Webadresse wird nicht die übliche Fehlermeldung des Webservers angezeigt, sondern eine Webseite mit einem Formular zum Benutzer Login. Gibt man etwa 'http://ulb.uni-bonn.de/xyz' ein, wird die korrekte Fehlerseite angezeigt - man will den Leser irritieren. Die oben zitierten Aussagen Purkerts in seiner Einleitung sind weiter vorhanden. An einer Korrektur der irreführenden Darstellung der Abläufe ist offenbar niemand interessiert. Die Universitäts- und Landesbibliothek Bonn ist gemäß Impressum für den Inhalt verantwortlich.

Exkurs - Krulls Festschriftbeiträge - Die Einleitung

MongreZit In der Festschrift 150 Jahre Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn hat Krull die Einleitung, den Beitrag über Study und den zu Felix Hausdorff verfasst.
Bonner Gelehrte - Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften in Bonn - Mathematik und Naturwissenschaften, Bonn, 1970, Bonner Signatur: 68/5230, Lesesaal A 6955/62, Bd. 7. Suche über OPAC oder WorldCat.

Mit Blick auf die vorangegangene Darstellung sind die Konstruktion der Einleitung und ihre Formulierungen doch nachdenkenswert. Jeder Leser der Jubiläumsbände wird sich fragen, mit welchem Zeitraum sich die Verfasser beschäftigen sollen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass es zu dem Zeitrahmen keine einvernehmliche Festlegung gab. Krulls Dilemma wird in einem Satz S. 9 deutlich, er sagt dort in einem Kontext, der sich auf Toeplitz bezieht, den er noch als 'unproduktiv' bezeichnet:

"... in den verworrenen dreißiger Jahren und im zweiten Weltkrieg ..."

Krull und andere haben die einmalige Chance vertan, für sich diesen Zeitraum aufzuarbeiten. Kein Wort zu den Zwangsemeritierungen und den Neuberufungen, auch nicht im Beitrag zu Hausdorff. Man kann verstehen, warum Krull einen Schnitt bei der Trennung von der Philosophischen Fakultät 1936/37 ansetzt, dann kann er im 2. Absatz zur Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät einfach feststellen, dass

"... , ihre eigentliche Geschichte erst etwa von 1950 ab zu datieren."

sei. Seltsamerweise vereinnahmt er aber im ersten Satz der Einleitung alle Hochschullehrer als die,

"... ,die heute Mitglieder der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät wären."

Krull bedauert auf S. 7, dass eine Darstellung der Entwicklung der Abteilungen 'seit dem zweiten Weltkrieg' nicht zustande kam. Warum die Einschränkung? Das Inhaltsverzeichnis weist Beiträge auf, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Krull ergänzt das in der Einleitung durch einen, wie er selbst sagt, 'fragmentarischen' Überblick über die Abteilungen der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, wobei er zuvor auf umfänglichere Beiträge einzelner Fachgruppen verweist. Inwieweit die Mathematik in dem etwa eine Druckseite umfassenden 'Fragment' zutreffend behandelt wurde, wird hier nicht diskutiert. Man ahnt aber schon, warum dem 'unproduktiven' Toeplitz nur 5 Seiten gewidmet sind und diese nicht von einem Bonner Mathematiker stammen.

Exkurs - Krulls Festschriftbeiträge - Felix Hausdorff

Ulysses1 Krulls Text enthält Beiträge in zwei Hauptteilen: zu den nichtmathematischen und den mathematischen Texten. Sie werden am Anfang und am Ende eingerahmt von zwei Teilen mit Hinweisen und Bemerkungen zur Person und der Familie. Mit einem solchen Teil beginnt auch der Text in den beiden ersten Absätzen. Der zweite Teil beginnt mit dem zweiten Absatz S. 76, dort gibt Krull eine Charakterisierung Hausdorffs, des Professors, der Familie und seines Lebensendes.

Die nichtmathematischen Texte Hausdorffs behandelt Krull auf 4 Seiten und 7 Zeilen ab S. 54 bis 58. Davon entfallen zwei Drittel einer Seite auf zwei längere Zitate. Hier kann man fragen, ob die nichtmathematischen Texte überhaupt in dem Band hätten berücksichtigt werden sollen.

Von S. 59 bis S. 67 zweiter Absatz beschreibt Krull die mathematischen Arbeiten, besonders die Mengenlehre Hausdorffs, unterbrochen von einer verkleinerten Version des 'Mongré' , s.o., und einem Portrait Hausdorffs zwischen S. 64 und 65 und 7 längeren Zitaten aus den Schriften. Eine Endnote mit Quellenverweisen schließt den Text ab.

Krull erwähnt mich und meine Beiträge ebensowenig wie Lorentz und Bergmann, ein wissenschaftlich wie menschlich nicht tolerierbares Verhalten, zumal Krull die Texte aus dem JMDV kannte, wie sich aus seinem unten behandelten Festschriftbeitrag ergibt.

Zu den nichtmathematischen Texten sind einige Bemerkungen notwendig. Krull äußert sich zu Sant´ Ilario und Das Chaos, zu Der Arzt seiner Ehre und listet auf S. 57, 58 noch einige weitere Titel auf. Genaue bibliografische Angaben zu den beiden großen Werken fehlen, obwohl sie in meinem Verzeichnis zu finden sind. Zu 'Der Arzt...' fehlt die genaue Angabe:
Der Arzt seiner Ehre, in: Die neue Rundschau (Freie Bühne), 15. Jg. (1904), H. 8, S. 989-1013.
In meinem Verzeichnis habe ich die bei S. Fischer erschienene Ausgabe aufgenommen, weil sie in den Bibliotheken nachweisbar war. Die nicht öffentlich zugängliche Ausgabe von 1910 habe ich nicht aufgenommen, aber Krull widmet dieser fast eine halbe Druckseite. Den 385 Seiten des 'Sant´ Ilario' widmet er ganze 19 Zeilen und über den Inhalt erfährt man nichts. Wohl aber erleuchten den Leser etwa die Sätze S. 55 beginnend mit:

"Gerade wegen der formalen Anlehnung an NIETZSCHE ist das Buch für uns heute kaum mehr genießbar. ... [bis] ... den echten Hausdorff vor sich zu haben".

und

"... eben einen HAUSDORFF, der in die Haut NIETZSCHES geschlüpft war."

und

"Aber man stößt doch wieder allzu oft auf einen nachempfundenen NIETZSCHE; und die Liebeslyrik,..."

Die Anspielung auf "Zarathustra" im Untertitel versteht Krull nicht oder er missversteht sie absichtlich. Nietzsches Also sprach Zarathustra war 1885 fertig. Teile hatte er in Genua und in Ligurien verfasst. Hausdorff konnte das Werk kennen lernen, als er ungefähr 30 Jahre alt war und veröffentlichte den 'Sant´ Ilario' 1897 mit knapp 40 Jahren. Die Seiten VI bis VIII der Vorrede erklären genau, wo Hausdorff sich aufhielt:

"bei der Kirche Sant´ Ilario, die unweit des genuesischen Nervi unter Ölbäumen und Cypressen glänzt ..."

- also in Ligurien und das gab eine gute Assoziation zu Nietzsche her. So einfach ist das, man müsste es nur lesen.
Es lässt sich mit Google-Maps verifizieren.

Sant´ Ilario
Quelle:Chiesa-di-Sant-Ilario

Die Sprachgewandtheit Hausdorffs kann man in seinen Schriften erkennen, Nietzsches Sprachgeschick ist auch unbestritten. Dass Hausdorff Nietzsche imitiert oder nachgemacht habe, ist schlicht falsch. Das Bild vom "in die Haut schlüpfen" zeugt dagegen von wenig Sprachgeschick. Man würde Krull gern fragen, was genau er von Nietzsche gelesen hat. Nietzsches Texte passen in keine 'formale' Schublade und ob Hausdorffs Text essayistisch, reflektorisch oder philosophisch ist, verrät uns Krull nicht. "kaum mehr genießbar" ist eine bösartige und herabwürdigende Feststellung. Ich hatte mit der Lektüre keine Probleme und mir fällt zu Krulls Bemerkungen der Inhalt von Nr. 67 aus 'Sant´ Ilario' ein.

Ein "philosophisches Werk" sind für Krull die nicht leicht verdaulichen 217 Seiten des 'Das Chaos'. Wer den Zusatztitel, die Einleitung und das Inhaltsverzeichnis S. 211 - 213 aufmerksam liest, weiß mehr über den Inhalt, als Krull in dem einen Absatz auf S. 55/56 schreibt. Die beiden Zitatstellen sind nicht genau angegeben und üblicherweise grenzt man Zitate auch erkennbar ab: der erste eingerückte Block S. 55 besteht aus zwei Zitaten auf drei verschiedenen Seiten in Hausdorffs Einleitung: Der erste Teil beginnt S. III, 4. Zeile von unten bis S. IV Zeile 11. Dort findet man Fehler:

Der zweite Teil beginnt auf S. V Zeile 4 bis 11. Hier zwei Fehler:

Der Umgang mit dem Zitat auf S. 56 ist auch nicht besser, Krull sagt

"Wir zitieren aus dem Schlußteil":

Der eingerückte Block besteht aus zwei Zitaten, wieder fehlt die Stellenangabe. Erstes Zitat auf S. 207, 10. Zeile von unten, knapp 8 Zeilen lang. Die Zitierung enthält 5 Fehler:

Zweites Zitat auf S. 208, beginnt 5. Zeile von oben bis Absatzende. Die Zitierung enthält 10 Fehler:

Fazit: Quellen dürfen nicht verändert werden. Werden Texte transkribiert, muss man es kenntlich machen, es gibt dafür auch etablierte Techniken.

Krull beendet diesen Teil mit einigen Beurteilungen, ich komme darauf noch zurück, und Verweisen auf die wissenschaftliche Entwicklung zur Wende ins 20. Jahrhundert. Die Bemerkungen Krulls zum Werk finden sich zwischen den beiden Zitatblöcken. Leider trifft das, was Krull als "Grundgedanken", S. 55, des Werks bezeichnet, die Ambition des Buches nicht. Das Ringen um präzise Beschreibung von Raum, Zeit und Kosmos war im 19. Jahrhundert für viele bekannte Wissenschaftler eine Herausforderung. Im Text Hausdorffs, ähnlich aber auch bei Cantor, kann man die Bemühungen um neue begriffliche, inhaltliche und formale Zugänge finden, wenn man bereit ist, hinter seinen eigenen aktuellen Kenntnisstand zurückzutreten. Ich kann nicht erkennen, dass bei Krull eine solche Bereitschaft vorhanden war - immerhin hat Krull bis zum WS 1965/66 die Historische Abteilung des Mathematischen Instituts geleitet.
3Eck Historische Abteilung

Neben den Erscheinungsdaten, einigen Bemerkungen zum Stück und dem oben schon Gesagten widmet Krull dem Text 'Der Arzt seiner Ehre' 6 Zeilen.

Es gibt außer den oben bei 'Sant´ Ilario' erwähnten noch andere Textstellen mit teilweise befremdlichen Äußerungen Krulls. Einige werde ich zitieren. In den beiden Eingangsabschnitten findet man:

"Denn trotz einer Reihe von hervorragenden Veröffentlichungen in den Jahren 1906 bis 1908 ..."

kurz danach

"In der Leipziger Zeit bildete die mathematische Forschung für HAUSDORFF gewissermaßen nur eine seiner Liebhabereien,..."

und

"..., aber der organisierte Universitätsbetrieb lag ihm nicht, ..."

dann versteigt er sich noch zu der Formulierung:

"Seine Persönlichkeit hatte sich gespalten in den Mathematiker HAUSDORFF und den Schöngeist und Literaten Dr. Paul Mongré."

Die uns heute zugängliche Lehrveranstaltungsliste der Universität Leipzig listet Hausdorffs umfängliche Lehre genau auf (s. Wikipediaartikel "Felix Hausdorff", Weblinks, 2. Angabe). Krull hat sich aus Leipzig keine Informationen beschafft. Seine Behauptung ist unzulässig und falsch. Krull kann nicht meinen, dass Hausdorff seine Mengenlehre in ein bis zwei Jahren geschrieben hat, er musste sich auch Cantors Beiträge erarbeiten. Für analytisch-tiefenpsychologische Beurteilungen besitzt Krull keine Berechtigung, dass er dafür professionelle Kenntnisse besessen hätte, wäre ganz neu. Befremdlich ist, dass Krull sich Mehrfachbegabung und Interessen nicht vorstellen kann. Musik, s. Krulls Eingangstext Zeile 6, und Naturwissenschaft sind bekannte Paarungen. Beispiel: Einstein und das Violinspiel, hat er auch eine gespaltene Persönlichkeit? Und da sind: Joseph Bologne - Chevalier de Saint-Georges, E. T. A. Hoffmann, Jean-Jacques Rousseau, Alexander Borodin und ...

S. 56 in der Mitte des letzten Absatzes zu 'Das Chaos':

"Damals fand es offenbar kaum Beachtung, und das ist historisch gesehen leicht zu begreifen."

Belegt hat Krull diese Feststellung nicht. Gab es Rezensionen, wieviele Leser gab es? Es gab Rezensionen, z.B. Rudolf Steiner DAS CHAOS Magazin für Literatur, 69. Jg., Nr. 23, 9. Juni 1900 (GA 30 , S. 432 -441). Krull weiß nicht, dass das Erstellen der Wirkungsgeschichte eines Werkes zu einer der schwierigsten Aufgaben gehört. Heute könnte er eine Studie dieser Art lesen: Die Einleitung, 83 S., von Werner Stegmaier im Band Vii der Hausdorffedition, Stegmaier erwähnt Steiner:
3Eck Werner Stegmaier
3Eck Einleitung des Herausgebers
Ernsthaft interessierte Leser können zahlreiche Beispiele der Wissenschaften, nicht nur von Philosophen, finden in den Bänden
3Eck The Library of living Philosophers .
Die Abfassung von Wirkungsgeschichten ist keine sehr beliebte Aufgabe. Wer einmal einen Blick in ein ganz exzeptionelles, einen großen Zeitraum umfassendes Werk werfen möchte, dem empfehle ich: E. M. Barth The Logic of the Articles in Traditional Philosophy, 533 S., D. Reidel Pub. Co. (1974) . (Sicher in jeder Universitätsbibliothek zu finden.)
Details zur Autorin
3Eck Else M. Barth

Auf S. 67 im letzten Absatz findet man folgende zwei Feststellungen, die eine besonders denkwürdige Passage einrahmen. Das muss man nicht kommentieren:

"Der Schöngeist und Philosoph Dr. Paul Mongré ist tot, der Mathematiker HAUSDORFF hat endgültig seine Stelle eingenommen."

"Vor allem aber fand HAUSDORFF für die künstlerische Ader, die in ihm steckte, erst als Mathematiker die seiner persönlichen Anlage gemäße Ausdrucksform."

Der Beitag über die mathematischen Arbeiten bringt für mich nichts Neues.
Zum mathematischen Teil zwei Bemerkungen.
1. Der Textteil enthält insgesamt 7 umfängliche Zitate aus Hausdorffs Mengenlehre, zusammen mehr als zwei Druckseiten. Die Prüfung auf Genauigkeit überlasse ich dem Leser.
2. S. 60, letzte 9, S. 61 erste 3 Zeilen äußert sich Krull zur Grundlagenforschung. Hier erläutert er eine Meinung, die man öfter von Mathematikern hört.

"An der Grundlagenforschung scheiden sich die Geister. Für den einen Mathematiker sind ihre Probleme unbedingt zentral. Der andere erkennt deren Bedeutung zwar an, aber er läßt sie auf sich beruhen in der Überzeugung, daß der unentwegte Weiteraufbau der Mathematik in luftiger Höhe mindestens ebenso wichtig ist wie die Bemühung, die Fundamente immer mehr abzusichern."

Zu welcher Gruppe gehört denn Krull?

Wieviel Krull von der Entwicklung von G. Frege bis J. P. Cohen wusste, kann ich aus meiner eigenen Erfahrung nicht sagen. In den von mir besuchten Veranstaltungen habe ich nie von ihm etwas gehört zu Zermelo, Gödel, Tarski, Quine, L.E.J. Brouwer ..., nichts über Beweistheorie, nicht-klassische Logiken/Sprachen und von Non-Standard-Analysis ganz zu schweigen.

Die ehemalige Abteilung Grundlagenforschung der Mathematik, s.o. Link 'Historische Abteilung', wurde aufgelöst. In der Mathematik gibt es heute eine Arbeitsgruppe 'Mathematische Logik', im Institut für Philosophie gibt es immerhin noch den 'Lehrstuhl für Logik und Grundlagenforschung', der ehemals von Hasenjaeger besetzt war. Zur Grundlagenforschung gehört nicht nur Axiomatisierung, Beweistheorie, Vollständigkeit, Entscheidbarkeit von mathematischen Systemen. Auch Komplexität, Berechenbarkeit und Darstellbarkeit gehören dazu.

Dass bestimmte Ergebnisse der Grundlagenforschung für die heutige Mathematik unverzichtbar sind, hat Krull ignoriert. Dieser Typ Meinung lässt sich offenbar durch keinerlei Fakten ausräumen. Ein Blick auf eines von Krulls Spezialgebieten, die Gruppentheorie, ist hier hilfreich. Dazu würde ich auf die neueren Resultate zur Berechnung der Lie Gruppe E8 verweisen.
3Eck The Atlas of Lie Groups
3Eck E8 (mathematics)

Die beiden Zitate Hausdorffs kann man anders interpretieren. Dazu muss man auch den Anhang lesen, der zeigt, in welchem Umfang er die Entwicklung verfolgt hat. Er kannte z. B. Russells und Zermelos Arbeiten. Dass Hausdorff die Bedeutung des heute benutzten Begriffs mathematische Grundlagenforchung bewusst und bekannt war, darf man bezweifeln. Ich verstehe die Aussagen eher als eine Warnung: Keine Prioritäten dort zu setzen, wo uns die mathematische Präzision fehlt.

Außerdem: Mir ist z. B. kein Logiker bekannt, der für die Logik eine analoge Meinung vertreten hätte.

In der Endnote verweist Krull im Text auf Lorentz und Bergmann. Bezeichnend ist der Hinweis am Schluss, er habe erst durch Bergmann über die genauen Umstände des Freitods von Hausdorff erfahren. Wer mag das glauben? Krull war bei seiner Berufung im 40. Lebensjahr, er will nichts gewusst haben - die Zeiten waren nur verworren?

Was hat Krull von und über Hausdorff gewusst? Im gesamten Text gibt es keine einzige Aussage Krulls, dass er Hausdorff persönlich begegnet sei, er sagt auch nicht, ob er Hausdorffs Mengenlehre vor seiner Berufung gekannt oder benutzt hat. Woher stammen die Fakten und Urteile über Hausdorff? Die Verweise in der Endnote und einige wenige Belege im Text reichen als Nachweise für den Text mit wissenschaftlichem Anspruch nicht aus.

JoyceFW

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