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Glossar zur Einführung Mittelalter

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Gefolgschaft

Freiwillig und individuell eingegangene Abhängigkeitsverhältnisse von Freien gegenüber mächtigen Herren sind aus verschiedenen historischen Gesellschaftssystemen bekannt. Ein Beispiel wären die Klientel- und Patronatsverhältnisse in der römischen Antike. Die verschiedenen germanischen Stammesgruppen kannten die Gefolgschaften junger, waffenfähiger Männer gegenüber mächtigen und erfahrenen Kriegsherren. Sie beruhten auf gegenseitiger, eidlich eingegangener Vereinbarung, gewährleisteten dem Gefolgsmann Schutz und Unterhalt durch den Herrn und dem Herrn eine ihm unbedingt ergebene kriegerische Truppe. Voraussetzung für die Beständigkeit solcher Gefolgschaften waren die kriegerischen Erfolge unter der Führung des Herrn. Starb dieser, wurde er alt und krank oder blieb er längere Zeit ohne Erfolg, zerfielen diese Gefolgschaften oder gingen mehr oder weniger geschlossen (denn es waren Männerbünde, die beträchtliche kriegerische Erfahrungen geteilt hatten) an einen anderen Gefolgsherrn, z. B. den Erben des vorigen Herrn, über. Jeder Gefolgsmann erwarb in der Gefolgschaft Erfahrungen und Kriegsbeute und konnte, wenn er stark und vermögend genug war, ausscheiden und sich verselbständigen. Aber der Herr konnte sich auch von wenig erfolgreichen oder lästigen Gefolgsleuten trennen. Die Gefolgschaft war also ein personales Bündnis auf Zeit.

Generalstände

Im Spätmittelalter organisierten in vielen Territorien West- und Mitteleuropas die politisch oder wirtschaftlich einflussreichen Gruppen, d. h. der Adel, die Bürgerschaften der Städte und - seltener - auch die höhere Geistlichkeit, ihre Mitwirkung bei Entscheidungen ihres Fürsten in Ständeversammlungen, die unregelmäßig und bei Bedarf zusammentraten. Auf der territorialen Ebene waren das in Deutschland z. B. die Landstände, in Frankreich die Provinzialstände. Entsprechende Ständevertretungen auf Ebene des Königreiches entstanden seit dem 14. Jh.: in Deutschland der Reichstag (s. dort), in den spanischen Königreichen die Cortes, in Frankreich die Generalstände. In England gingen die Stände mit der Separierung von Ober- und Unterhaus (s. Parlament) einen anderen Weg. Die französischen Generalstände (erstmals 1302) tagten in Paris und beanspruchten ein Mitspracherecht bei der Bewilligung von Steuern. Sie setzten sich bis zur französischen Revolution (1789) aus drei Ständen zusammen, dem Adel, der Geistlichkeit und dem Bürgertum der Städte ("Dritter Stand"), d. h. hier wie auch in den Landständen der deutschen Territorien (mit wenigen Ausnahmen) waren die Bauern, die die Mehrheit der Bevölkerung stellten, nicht vertreten. Die französischen Könige versuchten - überwiegend mit Erfolg - den Einfluss der Generalstände zu begrenzen, was umso leichter war, da die Könige das Einberufungsrecht hatten. Sie beriefen sie durchweg nur in Drucksituationen. Die französischen Generalstände waren das Vorbild für die Generalstände der "Niederen Lande" in den nördlichen Territorien der Burgunderherzöge im 15. Jh. Die niederländischen Generalstände (Tagungsort Brüssel) hatten für die heterogenen Territorien der Burgunderherzöge (Artois, Picardie, Flandern, Limburg, Holland, Seeland, Friesland, Hennegau etc.) einigenden Charakter, der deren Zusammenhalt auch unter den Habsburgern (seit 1478) und gegebenenfalls (2. Hälfte 16. Jh.) auch gegen diese garantierte.

Grafschaft

Die Bezeichnung "comes" für den Inhaber richterlicher und militärischer Gewalt eines Verwaltungsbezirks stammt aus spätrömischer Zeit und wurde im merowingischen Frankenreich nahtlos für die Vorsteher der gallorömischen "civitates" des römisch-rechtlich geprägten Südens und Westens des Frankenreiches übernommen. Die Bezeichnung "comitatus" = Grafschaft für die Herrschaft der "comites" = Grafen setzte sich unter den Karolingern durch, die - so das Bild, das die Lektüre der Kapitularien ergibt - den Versuch unternahmen, das Frankenreich mit einem Netz von Grafschaften zu überziehen, das freilich von Anfang an durch die Immunitäten "durchlöchert" wurde. Eine Fülle von Einzelfragen ist in der Forschung kontrovers, so z. B. ob der germanische "Gau" = lat. "pagus" in weniger oder nicht romanisierten Teilen des Reiches die Basis für die Grafengewalt bildete und ob überhaupt von einem einheitlichen Konzept einer "Grafschaftsverfassung" auszugehen ist, da Sachsen, Bayern und Schwaben durchaus Sonderentwicklungen aufweisen. Nach den Ortskennzeichnungen in den weniger oder nicht romanisierten Gebieten seit der 2. Hälfte des 9. Jh. - Ort X, gelegen im Gau/pagus Y, in der Grafschaft/comitatus des Grafen/comes Z - ist klar, dass der Gau einen landschaftlichen Siedlungsraum meinte, die Grafschaft die von einer (adligen) Person in diesem Raum ausgeübte "gräfliche" Gewalt. Der Inhalt dieser gräflichen Gewalt wird am deutlichsten in den Immunitätsverfügungen, die für die Immunitätsbereiche die Einwirkung der gräflichen Gewalt ausschlossen: sie bestand im Recht, Gericht zu halten und allem, was dazu gehörte (Zeugen aufzurufen, Gerichtsbußen einzufordern, Gerichtsentscheidungen zu vollziehen), sowie in dem Recht, im Fall des (königlichen) Heeresaufgebots, die Heerespflichtigen aufzubieten und dem König zuzuführen; diese Grafschaftskontingente kämpften dann auch gemeinsam, in Deutschland nachweislich seit dem 10. Jh. zusammengefasst im größeren Verband des Stammes (Sachsen, Schwaben usw.). Die Vorstellung von einer "Amtsgewalt" des Grafen trifft die Wirklichkeit des MA sicher nicht. Zweifellos band die militärische Funktion die Grafen in besonderer Weise an den König, doch schoben sich seit der 2. Hälfte des 9. Jh. im West- wie im Ostfrankenreich Zwischenkräfte (Herzöge, Groß- und Markgrafen) erfolgreich zwischen Graf und König, unterstützt durch den Siegeszug des hierarchisch durchstrukturierten Lehnswesens. Ein "Amt" im modernen Sinn übte der Graf schon deswegen nicht aus, weil im MA Grundbesitz und adlige Herkunft die Grundlage von Herrschaftsausübung waren. Die Grafen kamen daher aus dem Kreis der grundbesitzenden, adligen Familien des Grafschaftsbezirks. Doch hoben die mit dem Grafen"amt" verbundenen Rechte, den Grafen über die anderen Adligen seines Grafschaftsbezirks hinaus. Die Grafenposition tendierte früh zur Erblichkeit in einer adligen Familie, konnte aber bei Auseinandersetzungen auch entzogen werden. Die geografischen Grenzen der Grafschaft verfestigten sich früh. Schon im Vertrag von Meersen 870 beschrieb u. a. die Aufzählung der Grafschaften die Abgrenzung der Teilreiche.

Grenzen

Zunächst muss man sich klar machen, dass Siedlungsräume im MA durch große Waldgebiete voneinander abgesetzt waren; an den Siedlungsräumen, die durch Sippen- und Stammeseinheiten geprägt waren, orientierten sich die sich im frühen MA ausbildenden politischen Grenzen. Obwohl politische Einheiten und Untereinheiten bis zum 13. Jh. eher durch die Autorität herrschender Personen als durch territoriale Abgrenzung zusammen gehalten wurden, waren geografische Grenzen seit dem frühen MA nicht ohne Bedeutung. Für die Abgrenzung der Teilreiche der Merowinger (E. Ewig) spielten die Gaue des nördlichen und die aus römischer Wurzel stammenden Komitate des mittleren und südlichen Gallien (an diesen orientierten sich auch die Bistumssprengel) eine wichtige Rolle. Das ganze MA hindurch bildete der Lech die südliche Stammesgrenze zwischen Bayern (im Osten) und Schwaben. Der Passübergang am Mont Cenis war, wie die Heerzüge König Pippins von 754/56 zeigen, eine Grenze zwischen dem Langobarden- und dem Frankenreich. Die karolingische Reichsteilung von 843 fixierte für Jahrhunderte die Grenze zwischen dem aus dem Westfrankenreich entstehenden Königreich Frankreich und dem ostfränkischen, dann deutschen Reich. Sie orientierte sich dabei an Grafschaftsgrenzen, z. T. auch an Wasserläufen (dort, wo diese Grafschaftsgrenzen bildeten). Herrschertreffen fanden meist (aus protokollarischen Gründen und zur Demonstration der Ebenbürtigkeit) an Grenzen statt. So trafen sich 921 der westfränkische König Karl III. und der ostfränkische (deutsche) König Heinrich I. zum Zweck der gegenseitigen Anerkennung der Herrschaftsräume auf einem Schiff mitten im Rhein bei Bonn (womit Heinrich I. das linksrheinische Lotharingien - vorerst - als Herrschaftsgebiet Karls III. akzeptierte). Margut und das benachbarte Ivois an der Chiers (die Chiers ist ein östlicher Nebenfluss der Maas; die Orte liegen an der Grenze zwischen dem heutigen Großherzogtum Luxemburg, damals zum Reich gehörend, und Frankreich) waren im 10. und 11. Jh. wiederholt Treffpunkt zwischen den französischen und deutschen Königen (931, 980, 1006, 1023, 1043, 1048, 1056). Auf der Saône-Brücke von St. Jean-de-Losne, also wieder auf der Grenze, war 1162 das Treffen zwischen Friedrich I. Barbarossa und Ludwig VII. von Frankreich anberaumt worden, das dann nicht zustande kam. In Frankreich bildete das Flüsschen Epte 911 die südliche Grenze des vom König Karl III. den Normannen unter Rollo zugestandenen Herrschafts- und Siedlungsraumes. Der Polenherrscher Boleslav Chrobry empfing im Jahr 1000 Otto III. am Fluss Bober, der Grenze zwischen Sachsen und Polen, um ihn nach Gnesen zu geleiten. - Obwohl es also tradierte geografische Grenzen gab, darf man sie sich nicht durchgängig als durch Anlagen gesichert vorstellen, denn dafür fehlte in den im Vergleich zu heute schwach besiedelten mittelalterlichen Reichen der "Beamtenapparat". Eine gewisse Überwachung gab es, so für das Reich Karls d. Gr. bezeugt in einem Kapitular von 805, an Grenzstationen, an denen Verkehrswege (Straßen oder Wasserwege) vorbeiführten, wohl vor allem um den Waffenexport zu verhindern. Für das Passieren solcher Verkehrsknotenpunkte (Alpenpässe oder z.B. Raffelstetten a. d. Donau) waren auch Zölle zu entrichten, jedoch nicht explizit als Außenzölle. - Für lehnrechtliche Beziehungen, die Personen nicht Räume banden, spielten solche tradierten Grenzen keine Rolle. Die Lehnsbindung Haralds von Dänemark zum Frankenkönig/Kaiser Ludwig d. Frommen, der böhmischen Herzöge zu den ostfränkisch-deutschen Königen seit Heinrich I., einiger polnischer Piastenherzöge Schlesiens zu Friedrich I. Barbarossa, sowie die erzwungene Lehnsbindung des englischen Königs Richard Löwenherz an Kaiser Heinrich VI. schufen keine zwangsläufigen Zuordnungen ihrer Herrschaftsgebiete. - Grenzorte waren ähnlich wie Städte befestigt. Auch regelrechte Langwälle, ähnlich wie in römischer Zeit der Limes zwischen Rhein und Donau oder Hadrians- und Antoninuswall in Britannien, sind als Grenzsicherung bezeugt; der berühmteste ist das im 8. Jh. begonnene, im 12. Jh. erweiterte Danewerk als Grenzsicherung der Dänen gegen die nordalbingischen Sachsen.

Grundherrschaft

G., auch Villikation, ist ein moderner Wissenschaftsbegriff, mit dem Gliederung, Wirtschaftsweise und bäuerliche Abhängigkeiten bei den großen agrarischen Ländereien im Frankenreich und seinen Nachfolgereichen bis zum 12. Jh. gemeint sind. Da genauere schriftliche Aufzeichnungen nur von kirchlichen Grundherrschaften, vor allem denen von Klöstern erhalten sind, prägen diese das Bild der frühmittelalterlichen G. Für königliche und adlige G.en können wir in Einzelfällen nur aus Urkunden, für Karl d. Gr. auch aus dem "Capitulare de villis" rückschließen, dass ihre Strukturen wohl ähnlich waren. Ein Problem ist auch, dass die informativste Quellengruppe zur G. der Frühzeit, die Urbare und Polyptycha, ganz überwiegend aus dem nördlichen Frankenreich, genauer aus dem Raum zwischen Seine und Rhein stammen (St. Germain-des-Prés, St. Maur-des-Fossés, St. Rémi/Reims, St. Amand-des-Eaux, Lobbes, Prüm). Die hier bezeugte Struktur muss nicht im ganzen Frankenreich praktiziert worden sein. Urbare und sog. Hebe(=Erhebungs)rollen aus Klöstern östlich des Rheins haben wir ab ca. 900 (z.B. Werden, Fulda, hier auch schon frühere Fragmente). Die aus den Quellen des nördlichen Frankenreichs erschlossene "klassische" G. ist gekennzeichnet durch die Unterscheidung zwischen dem Herren- oder Salland ("terra dominica" o. ä.) und dem an die abhängigen Bauern ausgegebenen Land. Beide werden von den abhängigen Bauern bewirtschaftet, das ausgegebene Land prinzipiell zum Eigenunterhalt der Bauernfamilien aber mit festgesetzter (gemessener) Abgabepflicht. Die bäuerlichen Dienste auf dem Herrenland oder für den Herrn (Frondienste) fielen nach Bedarf an, waren "ungemessen". Das Bauernland blieb zwar traditionell in der Bauernfamilie, galt aber insofern nicht als deren Eigentum, als zusätzliche Abgaben beim Wechsel des Halters anfielen und beim Aussterben der Familie der Herr neu vergab. Die Abhängigkeit der Bauern manifestierte sich in ihrer "Schollenbindung" (Bindung an das Land), in ihren Abgaben und Frondiensten, im Zustimmungsrecht des Herrn bei ihrer Heirat. Die Ablösung der ursprünglichen Naturalabgaben oder auch der Frondienste durch Geldzinse (seit dem 11. Jh. einsetzend), die Unübersichtlichkeit und Unkontrollierbarkeit stark zergliederter und gestreuter Grundherrschaften für den Herrn, die Eigenmächtigkeiten von Verwaltern (Meiern), die Vermehrung der Städte mit ihren spezialisierten Bedürfnissen, der Bevölkerungsanstieg bewirkten seit dem 12. Jh. einen allmählichen Wandel der Grundherrschaften hin zu stärkerer Selbständigkeit ("Freiheit") der Bauern.

Hoftag

Mit dem lateinischen Wort "curia" werden vor allem im HochMA (11.-13. Jh.) die Zusammenkünfte zwischen dem König/Kaiser und seinen weltlichen und geistlichen Fürsten, bezeichnet (davor auch "synodus" und "consilium"), die rechtlich auf der "consilium"(=Beratungs)-Pflicht des Königsvasallen (Hoffolge) beruhen. Die Teilnahme der geistlichen Amtsträger, Bischöfe und Äbte der Reichsabteien, ergibt sich aus dem besonderen Schutzverhältnis, in dem sie zum Herrscher standen. Für alle Teilnehmer kamen folgende Motive hinzu: Königsnähe zu praktizieren, Präsenz gegenüber Standesgenossen zu zeigen, mitzuwirken an politischen und rechtlichen Entscheidungen. Erst seit dem 12. Jh. sind schriftliche Ladungen des Königs zu den Hoftagen erhalten. Üblicherweise fanden Hoftage an Königspfalzen statt, d. h. an wechselnden Orten, und vornehmlich in der witterungsgünstigen Jahreszeit. Nie kamen alle Fürsten und alle Bischöfe. Versorgungsaufwand und Logistik waren erheblich, da jeder Fürst mit Gefolge erschien. Keine Pfalz fasste alle Teilnehmer, so dass die Unterbringung ähnlich wie bei Heerzügen in großen Zeltlagern erfolgte. Beratungsgegenstände und Beratungsdauer wurden nach Bedarf festgelegt. Die Königserhebung in Deutschland erfolgte nicht in einer eigentlichen "curia" (es gab ja bis zur Wahl noch keinen König, der in der Lage gewesen wäre, "Hof zu halten"), sondern in einer Fürstenversammlung, zu der seit dem 11. Jh. der Mainzer Erzbischof einlud. Die Königskrönung dagegen war stets mit einem Hoftag verbunden. Für den König waren Hoftage Gelegenheiten der Herrschaftsausübung, der Ausübung seiner obersten Gerichtsbarkeit, politischer Beschlussfassung und natürlich der Repräsentation. In der älteren Literatur werden Hoftage als "Reichstage" bezeichnet; die neuere Forschung ist präziser in der Begriffswahl. Hoftage unterscheiden sich von (den späteren) Reichstagen dadurch, dass sie rechtlich auf der Hoffolge beruhen und der König im Mittelpunkt steht, was sich auch in der Wahl des Tagungsortes zeigt (zu den Unterschieden vgl. auch den Artikel Reichstag).

Immunität

Dieser römische Rechtsbegriff kennzeichnet im Mittelalter den besonderen Rechtsstatus eines kirchlichen Besitzkomplexes (Grundbesitz einer Bischofskirche oder eines Klosters), der vom König verliehen wird. Immunität meint die Herausnahme des so privilegierten Kirchenbesitzes aus dem Zugriff königlicher Beauftragter (z.B. Grafen), die dort weder über Freie Gericht halten dürfen, noch Gerichtsbußen verfügen oder Zeugen befragen dürfen und auch keinerlei Recht haben, Heeresleistungen zu fordern. Dies bedeutet nicht, dass Immunitätsbezirke gerichts- oder heeresfolgeleistungsfreie Räume wären. Vielmehr obliegt die Gerichtsbarkeit über die kirchlichen Amtsträger dem geistlichen Immunitätsherrn; die über die Freien und Unfreien der immunen kirchlichen Grundherrschaft werden vom Immunitätsherrn einem Vogt ("advocatus") übertragen. Die Heeresleistungen werden zwischen dem Immunitätsverleiher (König) und dem geistlichen Immunitätsherrn vereinbart und direkt ohne Zwischenschaltung der Grafen erbracht. Das Entscheidende ist das Zutrittsverbot für die Grafen und damit die Sicherung der Immunitätsbezirke gegen deren mögliche Willkür. Seit Ludwig dem Frommen (9. Jh.), wie schon vorher vereinzelt, werden im Frankenreich Immunität und Königsschutz generell verbunden. Insofern ist diese kombinierte Rechtsinstitution eine der Grundlagen für die Königsherrschaft über die Kirche (eine andere Grundlage dafür ist das Verständnis des Königsamtes als göttlicher Auftrag).

Juden

Juden gab es in der Spätantike in allen größeren Städten des Römischen Reiches, einschließlich Roms und Konstantinopels, so auch in den Städten der gallischen Provinzen. Der ihnen gemeinsame mosaische Glaube und tradierte soziale Regeln, die Familienstruktur, Kleidung, Esskultur, Festlichkeiten betrafen, bewirkten in Abgrenzung zum immer mächtigeren christlichen Umfeld frühe Gemeindebildungen mit eigener Rechtspraxis und eigenen Schulen. Zwei Berufsfelder sind bei früh- und hochmittelalterlichen Juden am häufigsten nachweisbar, d. h. spiegeln sich am intensivsten in den christlichen Quellen: Kaufmannschaft und Gelehrsamkeit, vor allem (aber nicht nur) im medizinischen Bereich. Vornehmlich die starke, in den westgotischen Konzilien mit einschränkenden Regulativen belegte, aber unter den islamischen Kalifen von Cordoba geachtete Judenschaft Spaniens hat erheblich auf die mittelalterliche Gelehrsamkeit eingewirkt und, als Mittlerin, arabisches Wissen und Kenntnisse der griechischen Mathematiker, Geographen, Ärzte, Philosophen an die Gelehrtenschulen des mittelalterlichen, lateinischen Europa weitergegeben. Jüdische Fernhandelskaufleute fanden in anderen Judengemeinden Aufnahme, Unterstützung und Partner; dies ist einer der Gründe für ihren Handelserfolg. Umgekehrt schürten Erfolg und Wissen einzelner Juden sowie die Geschlossenheit ihrer Gemeinschaft Vorbehalte und Neid ihres christlichen Umfeldes. Pogrome sind im FrühMA aus dem Westgotenreich und dem merowingischen Frankenreich überliefert, doch blieben sie von kurzer Dauer und oft auch lokal begrenzt. Im karolingischen Frankenreich genossen einzelne jüdische Kaufleute königlichen Schutz und spielten eine beachtliche Rolle als Hoflieferanten, gelegentlich auch als Überbringer von Botschaften an auswärtige Herrscher, sozusagen als Nebenprodukt ihrer Tätigkeit als Fernhändler (z. B. der Jude Isaac als Gesandter Karls d. Gr. an den Kalifen Harun al-Raschid in Bagdad). Aus dem 9. Jh. sind judenfeindliche Schriften des Erzbischofs Agobard von Lyon überliefert, die Zeugnis ablegen von einer starken Judengemeinde in dieser Stadt. Reisende jüdische Fernhandelskaufleute und beständige Stadtgemeinden sind zwei einander bedingende und stützende Elemente der Expansion des Judentums. Die frühesten Judengemeinden im östlichen Frankenreich, dann römisch-deutschen Reich sind an Handelswegen nachweisbar: Metz, Trier, Köln, Mainz, Worms, Speyer, Regensburg, Magdeburg, Prag. Schon im 9. Jh. gab es Anhänger des mosaischen Glaubens bei den Chazaren nördlich des Schwarzen Meeres (slavische Konstantins-Vita). Im 11. Jh. reichte die Bedeutung der Mainzer Jeschiwah (talmudische Gelehrtenschule) mit dem Rabbi Gerschom ben Jehuda weit über Deutschland hinaus; seine Responsen waren auch in den französischen und italienischen Gemeinden begehrt. Gleichzeitig steigt auch die Zahl und Qualität jüdischer Geschichtsquellen zu den Gemeinden, und Synagogenbauten (Köln, Worms) demonstrieren ihren Reichtum und ihr Ansehen. An den Königsschutz über einzelne Juden der Karolinger knüpften auch die Judenschutzprivilegien des Saliers Heinrich IV. im letzten Viertel des 11. Jh. an, jedoch mit dem Unterschied, dass ihre Bestimmungen zugleich die Judengemeinden betrafen, in denen diese "Schutzjuden" ansässig waren (Speyer). Damit mutierten die königlichen Schutzbriefe zu Privilegien, deren Hauptziel immer mehr die Absicherung der jüdischen Gemeinde auch in den Beziehungen zur Stadt der Christen wurde (Staufer). Einen gravierenden Einschnitt für viele Judengemeinden Frankreichs (z. B. Rouen, Metz), für die rheinischen Judengemeinden, aber auch für die in Regensburg, Magdeburg, Prag u. a. bedeuteten die Pogrome im Vorfeld des 1. Kreuzzugs (1096). Sowohl der Königsschutz als auch der Schutz durch die zuständigen Ortsbischöfe erwiesen sich in den meisten Fällen als unwirksam. Gesonderte Siedlungsbereiche der städtischen Juden mit eigener Ummauerung sind erstmals Ende des 11. Jh. nachweisbar. Sie dienten dem Schutz und dem Gemeindeleben. Die wachsende Bedeutung christlicher Kaufleute auch im Fernhandel seit dem 11. Jh. und die "Renaissance" der Gelehrsamkeit an den Hohen Schulen des 12. Jh. drängten die Juden in diesen beiden Tätigkeitsfeldern zurück; die Verschlechterung der Stellung der Juden seit dem 12. Jh. hat darüber hinaus noch andere Ursachen: die zunehmende christliche "Konkurrenz", ein nur langsam aufgeholter demographischer Einschnitt durch die Pogrome des 1. Kreuzzugs bei einer gleichzeitigen Bevölkerungsexplosion ihres christlichen Umfeldes, die Verfestigung von Machtstrukturen und Hierarchien in den Städten und deren Standesgruppen von Kaufleuten und Handwerkern, in den Reichen und in der Kirche. Die folgenden Fakten seien in diesem Zusammenhang genannt. Papst Kalixt II. (1120) und das IV. Laterankonzil (1215) nahmen abgrenzend zum Judentum Stellung. Kaufmannsgilden und Handwerkszünfte schlossen die Aufnahme von Juden aus, denen infolge dieses Prozesses in den Städten nur noch der Kleinhandel, das Darlehensgeschäft, der Geldwechsel und die wenig angesehenen "unzünftischen" handwerklichen Tätigkeiten blieben. Da nach Kirchenrecht das Zinsnehmen verboten war und sich christliche Kaufleute erst allmählich über dieses kirchliche Zinsverbot hinwegsetzten, disqualifizierte das Darlehensgeschäft die Juden zusätzlich in den Augen ihres christlichen Umfeldes, zumal sie bei der Unzuverlässigkeit ihrer christlichen Kreditnehmer hohe Zinsen fordern mussten. Die Herrscher interessierten sich nur noch für die Abgaben und das konfiszierbare Vermögen der Juden, nicht mehr für ihren Schutz. Die vom Staufer Friedrich I. Barbarossa erstmals gebrauchte Qualifizierung der Juden als "servi camerae nostrae" (Kammerknechte, d. h. Königsdiener, deren Abgaben an die königlichen Finanzen im Vordergrund standen) verfestigte sich mit den Urkunden seines Enkels Friedrich II. In Deutschland ging der (nominelle) Königsschutz über die Juden, d. h. faktisch deren Abgaben, nach Friedrich II. mehr und mehr an die Landesherren über. Willkürliche Konfiskationen reicher jüdischer Vermögen nahmen die Könige Englands seit dem Ende des 12. Jh. vor, die französischen Könige im 13. Jh. Aus beiden westlichen Königreichen wurden die Juden an der Wende vom 13. zum 14. Jh. vertrieben. Mit den Erfolgen der christlichen Reconquista verschlechterte sich seit dem 14. Jh. auch die Stellung der Juden auf der iberischen Halbinsel. Die Behauptungen, die in den Pogromen gegen die Juden formuliert wurden, waren die Tötung Jesu, Hostienschändung, die Tötung christlicher Kinder, Brunnenvergiftung. Die großen Pestepidemien, die in den Jahren 1348-1354 einsetzten, führten besonders in Deutschland zu erneuten Judenpogromen (aus Frankreich und England waren sie ohnehin schon vertrieben) und zu umfangreicherer jüdischer Abwanderung nach Mittelosteuropa.

Kaisertum

In der römischen Spätantike war der Haupttitel des Kaisers "imperator" und bezeichnete die oberste Befehlsgewalt des Herrschers über das Heer. Heeresteile oder mächtige Truppenführer bestimmten den "imperator", Erblichkeit der Imperatorenwürde war eher selten und konnte nur von einem mächtigen Kaiser verfügt werden. Definitiv seit 395 gab es (mit kurzer Ausnahme) getrennte Kaiser im west- und oströmischen Reich. Seit der Entmachtung des weströmischen Kaisers 476 bestand das Kaisertum aus römischer Wurzel zunächst nur im oströmischen Reich weiter und die oströmischen Kaiser beanspruchten, die Oberherrschaft über das gesamtrömische Reich fortzusetzen. Da aber ihr faktischer Herrschaftsraum sich nach den verschiedenen germanischen Eroberungen im Westen und nach den arabisch-islamischen Eroberungen des südlichen Mittelmeerraums im 7. Jh. nahezu ausschließlich auf die Gebiete griechischer Sprache (Griechenland, Balkan, Kleinasien) beschränkte, nahmen die Ostkaiser seit dem 7. Jh. den offiziellen (griechischen) Titel "Basileus" an, ohne ihre Gesamtherrschaftsansprüche aufzugeben. Ihr Reich, das bis zur osmanischen Eroberung 1453 (Konstantinopel) bzw. 1470 (restliche Teile Griechenlands) bestand, bezeichnet man für die Zeit ab dem 7. Jh. nach dem griechischen Namen ihrer Hauptstadt (Byzanz=Konstantinopel) als Byzantinisches. Im Lauf der byzantinischen Geschichte etablierte sich immer stärker der hauptstädtische Beamtenadel neben dem Heer als "Kaisermacher". Erblichkeit wurde immer wieder durch Usurpationen und Umstürze unterbrochen. Im Westen nahm Karl d. Gr. (800) das Kaisertum wieder auf, nachdem er seine Herrschaft über das eigentliche Frankenreich hinaus auf die Gebiete östlich des Rheins (Sachsen und Bayern) und auf Italien ausgedehnt hatte. Wie sein Kaisertitel zeigt, verstand er es in Anlehnung an das römische Kaisertum, missbilligte aber die Rolle, die die Römer und vor allem der Papst bei der Kaiserkrönung in der Peterskirche gespielt hatten. Das Kaisertum kollidierte mit der im Frankenreich üblichen Teilung unter den Nachfolgern und brachte Probleme mit dem Byzantinischen Kaiser. Sowohl Karl d. Gr. als auch sein einziger, ihn überlebender legitimer Sohn Ludwig der Fromme regelten die Nachfolge im Kaisertum ohne Beteiligung des Papstes und durch Krönung des Nachfolgers im Frankenreich. Seit Ludwigs d. Fr. Enkel, Ludwig II., setzte sich jedoch ab 850 die Bindung des Kaisertums an die durch den Papst in Rom vorzunehmende Krönung und an die Herrschaft über Italien durch. Nach einer Reihe von Kaisern, deren Herrschaft sich auf Italien beschränkte, in der 2. Hälfte des 9. Jh. und nachdem ab 928 die Kaiserwürde völlig erlosch, knüpfte Otto I. 962 auf der Grundlage der neu gewonnenen Herrschaft über Italien mit seiner Kaiserkrönung in Rom durch den Papst an das spätkarolingische Kaisertum an. Von da an blieb diese Verfahrensweise bis zur Mitte des 15. Jh. konstant und die Kaiserwürde mit der kombinierten Herrschaft über Deutschland und Italien verbunden; jedoch setzten die Kaiserkrönungen seit der Mitte des 13. Jh. (wie schon bei Konrad III. im 12. Jh.) mehrfach aus. Das westliche mittelalterliche Kaisertum bedeutete nur einen Ehrenvorrang, nicht etwa irgendeine Vorherrschaft über andere Könige Europas. Mit ihm war zumindest ideell der Schutz des Papstes, des Kirchenstaates und der Kirche verbunden.

Königtum

Die römischen Geschichtsschreiber, die uns über die Anführer der verschiedenen Germanengruppen an der Nordgrenze des Römischen Reiches berichten, heben deren kriegerische Funktion hervor und bezeichnen sie als "duces", "reguli", "subreguli" oder auch "reges". Heerführung und damit auch anerkannte Führung einer mächtigen Gefolgschaft, d. h. aber auch Vermögen und Akzeptanz durch eine größere Gruppe von Waffenfähigen und ihre Sippen, machen offenbar das frühe Königtum aus und zwar nicht nur bei den Germanen sondern auch bei den Slaven. Gelegentlich sind Erhebungsrituale wie Schilderhebung (der Anführer wird auf einen Schild gesetzt und hoch gehoben) und Akklamation überliefert, die auch bei den Truppen des römischen Reiches (die ja zu einem beträchtlichen Teil aus Germanen bestanden) bekannt waren. Das frühmittelalterliche Königtum hatte sich kriegerisch zu bewähren, d. h. durch Landeroberung und Beutegewinn. Beides bedurfte nach den Vorstellungen der Frühzeit der Unterstützung der Götter, bzw. - nach der Christianisierung - des christlichen Gottes. Dies allein ließ schon ein gutes Verhältnis zu den Dienern dieser Götter, bzw. den Priestern dieses Gottes, geraten erscheinen. Vermögen und Ansehen der frühen Könige wuchsen durch kriegerische Erfolge und wurden an die Söhne vererbt. Von daher war Erblichkeit des so verstandenen Königtums innerhalb der Königssippe den frühmittelalterlichen Kriegern selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich beanspruchten sie aber auch ein Mitwirkungsrecht bei der Entscheidung über die Erhebung des neuen Königs und ein Absetzungsrecht gegenüber einem als unfähig erachteten König. Diese Mitsprache der Waffenfähigen wird als "Königswahl" bezeichnet. Die Regeln für diese "Wahl" lagen durch Gewohnheit mehr oder weniger fest, und dass sie in Deutschland in der Goldenen Bulle von 1356 festgeschrieben wurden, bedeutete für die Folgezeit eine ehrwürdige Tradition, die man sich aber auch nicht scheute, im Bedarfsfall zu brechen. Anerkennung, kriegerische Führung aber auch Fähigkeiten bei Streitbeilegung blieben inhaltliche Kriterien mittelalterlichen Königtums, überhöht seit der intensiveren Christianisierung im 8. Jh. durch den christlichen Amtscharakter, der sinnfällig durch eine von einem Bischof zu vollziehende Königsweihe übertragen wurde, die sich allerdings erst im 10. Jh. definitiv durchsetzte; Liturgische Krönungsordnungen, sog. "ordines", für diese Weihe sind seit dem 9. Jh. überliefert. Insignien der Königswürde waren Schwert und Krone (dann christlich umgedeutet), sowie der Stab (Zepter) und der lange Königsmantel.

Konzil

Ein Konzil ist eine Versammlung der höheren Amtsträger und ausgewählter Gläubiger der christlichen Kirche eines größeren Bereiches, die Fragen des Glaubens, der Lehre, der Liturgie, der Kirchenordnung, des kirchlichen Rechts berät und entscheidet. Die Begriffe im Mittelalter sind "concilium" und "synodus". So lange das Römische Reich nicht nur als gelehrtes Konzept sondern im Bewusstsein einer Mehrheit als gemeinsames "Haus" der Christenheit bestand, also etwa bis zum 7. Jh., trafen die ökumenischen (gesamtchristlichen) Konzilien grundlegende, für alle Kirchen verbindliche Glaubensentscheidungen (etwa zur Trinitätsfrage die Konzilien von Nikäa 325 und Chalkedon 451). Der Westen ging seit der sogenannten Völkerwanderung und mit der Etablierung westgotischer, fränkischer, angelsächsischer, burgundischer (Königs)Herrschaften in ehemaligen Provinzen des Römischen Reiches, also seit dem 6. Jh., zunehmend auch kirchlich eigene Wege, wobei die Könige in die Stellung der spätantiken Kaiser als Schutzherren der Konzilien/Synoden einrückten. An die Stelle von Reichskonzilien traten Synoden der einzelnen "regna". Währenddessen wurde im Oströmisch-byzantinischen Reich die kollegiale Konzilspraxis der Spätantike mit ökumenischem Anspruch fortgesetzt.Im Westen setzte in der Karolingerzeit eine rege Sammeltätigkeit der bisherigen Konzilsentscheidungen ein zum Zweck einer für das ganze Frankenreich gültigen Vereinheitlichung der kirchlichen Bestimmungen. Bis zur 2. Hälfte des 11. Jh. bestand die Praxis von Synoden auf Ebene der Kirchenprovinzen und der "regna" fort mit der Konsequenz von Unterschiedlichkeiten in Kirchenpraxis und Kirchenrecht. Das seit Mitte des 11. Jh. erstarkende Papsttum zog Konzilseinberufung und Vereinheitlichung des Kirchenrechts zunehmend an sich. Zwischen der 2. Hälfte des 11. und dem Ende des 13. Jh. waren die Konzilien vom Papst einberufene und präsidierte sogenannte Laterankonzilien (Tagungsort Rom). Seit der Residenznahme der Päpste in Avignon (ab 1308) und im Zuge der innerkirchlichen Konflikte gewinnen Überlegungen an Boden, zukünftige Konzilien stärker vom Einfluss des Papstes zu lösen und zu Repräsentativorganen der Gesamtkirche zu machen. Am weitesten gingen dabei die Konzilien von Konstanz und Basel in der 1. Hälfte des 15. Jh. Doch führten die Differenzen der Teilnehmer und die in den verschiedenen Teilen Europas unterschiedliche Verfahrensweise, u.a. in der Frage der Besetzung kirchlicher Stellen, zu einer erneuten Verstärkung der päpstlichen Stellung. Seit der Mitte des 15. Jh. wurden die Konzilien wieder vom Papst einberufen und tagten unter seinem Vorsitz.

Krieg

Die nicht wenigen Passagen des Neuen Testaments, die zu Frieden und Verzicht auf persönliche Gewaltausübung aufrufen, trafen sowohl im Römischen Reich als auch später u. a. bei den Germanen auf Herrschaftsstrukturen, für die Kampf und Krieg selbstverständlich und für den Erhalt und Ausbau der Stellung der Herrschenden wünschenswert, ja sogar notwendig erschienen. Da zudem viele Bücher des Alten Testaments nicht nur Beispiele für Kriegshandlungen, sondern auch religiöse Rechtfertigungen für diese lieferten, stellte sich die Frage nach der Vereinbarkeit von Krieg und biblisch-christlicher Lehre schon für die Kirchenväter. Bahnbrechend für das MA wurden die Ausführungen des lat. Kirchenvaters Augustinus (4. Jh.) zum "gerechten Krieg", für den er das Vorliegen "gerechter (Kriegs)gründe" forderte, unter denen er als wichtigste die Verteidigung gegen einen Angriff und die Verteidigung von Glauben und Kirche benannte. Dem frühen MA sind pazifistische Vorstellungen unbekannt. Die Historiographie des Frankenreiches stellt bis zum Ende des 8. Jh. Kampf und Tötung von Feinden, ob Christen oder Nicht-Christen, nicht in Frage. Wenn bei Kriegsschilderungen in dieser frühen Historiographie biblische Anleihen gemacht werden, dann aus dem Alten Testament (Fredegarfortsetzung), das ohnehin bis zum SpätMA häufiger zitiert wird als das Neue Testament. Das AT entsprach mit seinem Bild von Herrschaft, Hierarchie und patriarchalischer Gesellschaftstruktur, von Kampf und Vergeltung, mittelalterlichen Vorstellungen und Zuständen eher als das NT. Es sind die aus der Feder geistlich geschulter Verfasser stammenden Reichsannalen, die erstmals bei der Schilderung der Kriege Karls d. Gr. gegen die (heidnischen) Sachsen und Avaren eine religiöse Rechtfertigung formulieren. Doch setzte sich in der Folgezeit die selbstverständliche und von Zweifeln unbelastete Kriegsdarstellung durch. Bedenken gegen Tötungsexzesse finden sich dann etwas häufiger in Quellen zu den Kreuzzügen, in deren Verlauf Waffengewalt nicht nur gegen Muslime und Juden, sondern auch gegen Mitchristen geübt wurde. Solche Bedenken nehmen im späteren MA zu, ohne sich freilich gegenüber den kriegsverherrlichenden Tendenzen durchzusetzen. - Von einer Kriegführung im Sinn rationaler Planung und Strategie oder allgemein akzeptierter Regeln kann kaum gesprochen werden. Bis zum 13. Jh. setzen sich die Heere überwiegend aus Lehnskontingenten zusammen. Bei ihnen wie bei den seit dem 12. Jh. hinzukommenden Söldnertruppen war das Zusammenwirken mit anderen Kontingenten nicht trainiert. Wohl versuchten die Kriegsherrn die Truppen in Späher, Vorhut, Haupttruppe und Nachhut zu ordnen, jedoch erst seit dem 13. Jh. gelegentlich mit Erfolg. Kriegserklärungen gab es nicht, abgesehen von Privatfehden, für die es seit dem Ende des 13. Jh. üblicher wurde, sie förmlich anzusagen. Vielmehr spielten Überfall, Überraschung und Hinterhalt eine wichtige Rolle. Gelegentlich wurden Waffenstillstandsverträge, jedoch erst seit Ende des 15. Jh. förmliche Friedensverträge geschlossen. Die meisten Kriege hörten einfach wegen Erschöpfung bzw. durch Rückzug des Angreifers auf (so auch der 100-jähr. Krieg zwischen England und Frankreich). Vgl. auch den Artikel Waffen. In den Lehnsheeren oblag die Ausstattung mit Waffen und Pferden sowie der Unterhalt während der ersten drei Monate des anberaumten Heerzugs dem Heeresfolgepflichtigen. Erst danach sollte der oberste Kriegsherr für die Unterhaltskosten aufkommen. Faktisch lief die Versorgung in beiden Kriegsphasen über Plünderung und Beute im Feindesland aber auch, wie immer wieder bezeugt, im Durchzugsgebiet. Die Söldnerheere sollten vom Kriegsherrn bezahlt werden (was oft ausblieb) und hielten sich im übrigen unkontrolliert schadlos. Nach Möglichkeit fanden aus Versorgungs- und Witterungsgründen Kriegszüge zwischen Mai und September statt und überschritten kaum die 3-Monats-Grenze. Schon für die Sachsenkriege Karls d. Gr. und natürlich für die Italienzüge der Kaiser vom 10. bis 13. Jh. war diese Kurzzeitigkeit nicht einzuhalten. Neben politischen Zielen war das vorrangige Ziel mittelalterlicher Kriegführung die Beute an Land, Material, Geld, Gefangenen, für die Lösegeld gefordert wurde und die manchmal jahrelang in mehr oder weniger ehrenhafter Haft des Siegers gehalten wurden.

Kurfürst

Kur: Substantiv zu mhd. kiesen=wählen. Kurfürsten sind die (spätmittelalterlichen) Fürsten, denen speziell die Wahl des römisch-deutschen Königs zustand. Während im 10. und 11. Jh., soweit die spärlichen Quellenaussagen Rückschlüsse zulassen, eine nicht genau umgrenzte Menge von Hochadligen in Abstimmung mit den Standesgenossen ihres Stammesverbandes sowie die Gruppe der Bischöfe am Erhebungsvorgang des Königs beteiligt waren, schichtete sich seit dem 13. Jh. die besondere Gruppe der Kurfürsten ab. Eine Vielzahl von Gründen haben bei dieser Entwicklung mitgewirkt: die Dynastieabbrüche nach der Ottonen- und der Salierzeit, die Ansätze zur Territorialisierung fürstlicher Herrschaft, die Verringerung königlicher Einwirkungsmöglichkeiten außerhalb des Reichsgutes (s. dort) und dessen Schwinden im Thronstreit nach 1198, sowie Umschichtungen des Fürstenstandes. Doch ist die Abschichtung einer Fürstengruppe, die spezielle Rechte an der Königserhebung hatte, nicht nur ein Phänomen der deutschen sondern auch der französischen Geschichte (Königserhebung Philipps I. 1060), nur dass sie dort infolge der ununterbrochenen Sohnesfolge durch die Erblichkeit des Königtums verdrängt wurde. Das erste Zeugnis für die sich stabilisierende Kurfürstengruppe liefert der Sachsenspiegel des Eike von Repgow, ein Rechtsbuch, das als Privatarbeit mit dem Ziel, die Rechtszustände im Reich und im sächsischen Stammesgebiet (Westfalen bis zur Oder) zu "spiegeln", um 1230 entstand. Die handschriftliche Überlieferung des Sachsenspiegels ist nicht zeitgenössisch; außerdem sind Überarbeitungen sicher, so dass nicht auszuschließen ist, dass die Passage über die Kurfürsten oder Teile von ihr erst Nachträge aus der 2. Hälfte des 13. Jh. sind. Der Sachsenspiegel beschreibt die Königs"wahl" als Konsensentscheidung aller Fürsten, bei der die Kurfürsten lediglich einen Vorrang und das Recht haben, den neuen König nach außen zu proklamieren. Er nennt sechs Kurfürsten, drei geistliche (Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier) und drei weltliche (Pfalzgraf bei Rhein, Herzog von Sachsen, Markgraf von Brandenburg); den drei weltlichen ordnet er die sog. Erzämter zu (Truchsess, Marschall, Kämmerer) und ergänzt, dass der König von Böhmen, obwohl Mundschenk des Reiches, kein Kurrecht habe, da er "nicht dudisch" sei. Eike geht von einer nicht strittigen Wahl aus und sagt deshalb nichts über den Wahlmodus. Die Bedeutung der Erzämter (reiner und durchaus bis ins 13. Jh. wechselnder Ehrenämter) für die Entstehung des Kurfürstenvorrangs ist umstritten; auch fällt die räumliche Verteilung auf (nur W und O des Reichs) und die fehlenden Erläuterungen zu den geistlichen Wählern (aber Mainz: Erzkanzler für Deutschland, Köln: Erzkanzler für Italien und "coronator" des Königs). Tatsächlich sind ab 1257 die sechs im Sachsenspiegel genannten Kurfürsten als alleinige, notwendige Königswähler bezeugt, zu denen der von Eike noch ausgeschlossene Böhmenkönig definitiv seit 1292 hinzu kam. Wohl konnten andere Fürsten bei der Wahl anwesend sein, oder ein Kurfürst konnte einen Stellvertreter für seine Stimmabgabe bestellen. Die Doppelwahlen von 1257 und vor allem 1314, sowie der päpstliche Anspruch auf Mitsprache bei der Königserhebung bzw. Entscheidung strittiger Wahlen machten weitere Regelungen nötig, die in der sog. Goldenen Bulle Karls IV. 1356 erfolgten: Siebenzahl der Kurfürsten, offene Abfragewahl, Mehrheitsentscheid, Ausschluss der päpstlichen Ansprüche. So blieb die Praxis bis zum Ende des MA. Im 30-jährigen Krieg erhielt der Herzog von Bayern eine achte Kurstimme, im 18. Jh. weitere Fürsten; für die Bestimmung des neuen Königs hatte das keine Bedeutung mehr, da sich faktisch seit dem 15. Jh. die Erblichkeit der römisch-deutschen Königswürde im Haus der Habsburger etablierte. - Außer ihrer Rolle bei der Königswahl gewannen die Kurfürsten weitere Privilegien. Seit Rudolf von Habsburg (1273-1291) wirkten sie bei der Vergabe von Reichslehen mit. 1298 folgerten sie aus ihrem Recht der Königswahl das Recht zur Absetzung eines für unfähig erachteten Königs. In der Goldenen Bulle von 1356 erhielten sie erhebliche Sonderrechte, z. B. dass von ihrem Gericht nicht mehr an den König bzw. das Hofgericht appelliert werden durfte und dass die Kurfürstentümer nicht geteilt und (die weltlichen) in Primogenitur vererbt werden sollten. Diese Sonderrechte hoben sie endgültig von den anderen Fürsten ab und erklären, dass die Kf. bei den Reichstagen eine eigene Kurie bildeten. Ihre Mitwirkung bei Reichsangelegenheiten wurde unverzichtbar.

Lehnswesen

Der Begriff suggeriert eine Systematik, die man bei der Entstehung, Entwicklung und Vielfalt des Phänomens vergeblich sucht. Doch können Ansätze, das Lehnswesen vor dem 11. Jh. überhaupt zu leugnen (S. Reynolds), als gescheitert gelten. Vorformen und Wurzeln liegen in der Gefolgschaft (s. dort) sowie in möglichen anderen, durch förmliche Treuebindung bekräftigten Abhängigkeits- bzw. Schutzverhältnissen gegenüber einem mächtigen Herrn (Vasallität). Die Abgrenzung gegenüber anderen Treue- und Schutzverhältnissen kann im einzelnen schwierig sein; so ist z. B. umstritten, ob die förmliche Treuebindung der Bischöfe an den König, für die es erste explizite Beispiele aus dem 10. Jh. gibt, als Lehnsverhältnis zu verstehen ist ("Reichsbischöfe"). Von den Adligen des 9. und 10. Jh. wird man kaum rechtssystematische Begrifflichkeit erwarten dürfen, und also auch keine konsequente Unterscheidung zwischen Lehnsverhältnissen und anderen, diesen im rituellen Zustandekommen und in der Wirkung vergleichbaren Treueverhältnissen. Richtig ist (so S. Reynolds), dass eine Systematisierung erst durch die lombardischen Rechtsgelehrten des 11./12. Jh. erfolgte ("Libri feudorum"). Seit der Wende vom 8. zum 9. Jh. sind aber die wesentlichen Faktoren überliefert, die das Lehnsverhältnis (grundlegend immer noch F.L. Ganshof) ausmachen: der Lehnsmann ("vassus", "vasallus", "homo"), der zu einem Herrn ("dominus", "senior") durch einen mit einem rituellen Vorgang ("commendatio", Handgang, Huldigung) verbundenen Treueid ("homagium", "hominium") in ein prinzipiell auf die Lebenszeit beider angelegtes Treueverhältnis tritt. Der rituelle Vorgang des "in vassaticum se commendare per manus" (daher: Handgang) oder "tradere se manibus in manibus" ist in den Reichsannalen schon für die Zeit Karls d. Gr. belegt und meint die Schutzgeste des Lehnsmanns, der bei der Treueidleistung seine Hände in die Hände des Herrn legt, ihm Treue "in die Hand" verspricht. Die geschuldete Treue war grundsätzlich gegenseitig und allumfassend, hatte aber konkret die Pflicht des Lehnsmanns zu "auxilium" (Hilfe, Heeresfolge, Waffendienst zu Pferd) und "consilium" (Rat, später Beratungspflicht auf Hoftagen, "Hoffolge") zur Folge (Folgepflicht "mit Rat und Tat"); daraus ergibt sich, dass der Lehnsmann frei und waffenfähig sein musste. Die konkrete Gegenleistung des Herrn (außer dem allgemeinen Schutz) bestand in der Übergabe des Lehens ("feudum") an den Mann, eines verliehenen Grundbesitzes, oder verschiedener verliehener Ämter und Rechte; schon im 9. Jh. wurden Grafschaftsrechte oder herzogliche Stellung vom König als "Lehen" verstanden. Das Lehnsverhältnis war personal auf den Herrn und den Mann bezogen und endete mit dem Tod des Herrn ("Herrenfall") oder dem Tod des Mannes ("Mannfall"). Das Lehen fiel beim Mannfall prinzipiell an den Herrn zurück, doch war ein waffenfähiger, männlicher Erbe vorhanden, gebot die Schutzpflicht des Herrn und auch sein Eigeninteresse in der Regel, es an den Erben weiterzuverleihen. Die Lehen tendierten also früh zur Erblichkeit. Für die (recht häufigen) Sonderfälle - unmündiger, männlicher Erbe oder "nur" Witwe oder Töchter als Nachkommen - entwickelten die französischen und englischen Könige des 12. Jh. für sich das Konstrukt der "Lehnsvormundschaft" (Zugriff des Königs auf die Einkünfte aus dem Lehen und als Finanzressource genutzte Mitsprache bei der Verheiratung der Witwe oder Erbtochter). Lehnsentzug war nur bei Treubruch ("Felonie") möglich. Gegenüber unmäßigen Forderungen des Herrn bestand ein Widerstandsrecht nicht des Einzelnen aber der Gesamtheit der Vasallen (wenn sie sich einig waren...). Beim Herrenfall übernahm der Erbe des Herrn in der Regel aus Eigeninteresse dessen Vasallen, die ihm jedoch einen neuen Treueid leisten mussten.- Das Lehnswesen stellte eine Grundstruktur für Königs- und Adelsherrschaft in West- und Mitteleuropa vom 9. Jh. bis ins späte MA dar.

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