Langobarden in Cividale/Friaul (Nordosten Italiens), 6.-8. Jh.:
Nordalpine Stammesgruppen - Römisches Reich - Christliche Kirche

Die Langobarden begannen seit 568 Teile Italiens zu erobern; ihre Herrschaft dauerte bis zur fränkischen Eroberung unter Karl d. Gr. 774. Während in anderen Zentren langobardischer Herrschaft in Italien, in der nach dieser Volksgruppe benannten Lombardei (Pavia, Monza), in Piemont, in der Toskana, in den Regionen um Spoleto und Benevent ihre baulichen Zeugnisse vernichtet oder in Fragmenten in spätere Bauten integriert wurden und die archäologischen Funde mit jeweils wenigen Exemplaren über zahlreiche Museen verteilt sind, bewahrt die kleine Stadt Cividale bei Udine in Friaul in einmaliger Geschlossenheit ein relativ umfangreiches, langobardisches Erbe, und dies trotz der Erdbebengefährdung des Gebiets (erwähnt seien nur die Erdbeben von 1222 und 1976). In dem dem Dom angegliederten Museo Cristiano wird u. a. der sog. Altar des Herzogs Ratchis aufbewahrt, der durch seine Inschrift auf 737-744 zu datieren ist. Die ehemalige Kirche S. Maria in Valle, am Hang über dem Flüsschen Natisone, bewahrt im quadratischen Hauptraum, der "Aula", den Kirchenraum aus langobardischer Zeit, daher "tempietto longobardo" genannt, mit Ausschmückungen, die zumindest teilweise aus dem 8. Jh. stammen. Das neben dem Dom gelegene Archäologische Museum besitzt die reichste Sammlung langobardischer Funde überhaupt. Die hübsche, kleine Stadt Cividale, abseits der großen Touristenrouten an einer Verbindungsstraße nach Slowenien gelegen, ist allemal einen Abstecher wert. Ihr Hauptplatz trägt den Namen des Geschichtsschreibers der Langobarden Paulus Diaconus.

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Aula des Tempietto longobardo aus dem 8. Jh., oberer Teil des ursprünglichen Eingangsbereichs, Westseite. Freskenreste aus dem 8. Jh. Stuckaturen und Stuckfiguren umstrittener Datierung (8.-10. Jh.).

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Stuckfiguren (Heilige) der linken und rechten Seite. Da Vergleichsmaterial fehlt, ist die Datierung kontrovers (8.-10. Jh.). Ursprünglich war wohl der ganze Raum mit einer Figurengalerie versehen. Die nach dem durch Erdbeben bewirkten Einsturz der Decke erhaltenen Figuren wurden an der Eingangswand aufgestellt.

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Detailaufnahme der rechten Eingangsseite. Das stark zerstörte Fresko im Bogen stellt Christus als Pantokrator zwischen zwei Engeln dar.
Als Beispiel für die Überarbeitung und Ergänzung des Tempietto in späterer Zeit seien drei Aufnahmen des Deckenfreskos des der Aula angefügten Presbyterium wiedergegeben, die der italienischen Frührenaissance zuzuordnen sind.

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Die Decke des Presbyterium, des heutigen Zugangsbereichs zum Tempietto, ist mit Fresken des 14. Jh. geschmückt

Besitz und alle Rechte: Stadt Cividale

Die anschließenden Aufnahmen stammen aus dem Museo Archeologico Nazionale in Cividale und werden mit dessen eingeholter Genehmigung hier präsentiert

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Die S-förmigen Fibeln, meist paarweise wie im zweiten Beispiel getragen, dienten zur Befestigung von Kleidungsteilen. Es handelt sich um Funde aus Gräbern in der Nähe von Cividale. Sie werden auf das 6. Jh. datiert. Die S-Form ist charakteristisch für die Langobarden.

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Neben den S-förmigen Fibeln wurden auch diese vergoldeten Silberfibeln gefunden, deren Form nicht speziell für langobardische Gräber ist. Die Fibeln sind nicht eigentliche Grabbeigaben sondern gehörten zur Kleidung des/der Bestatteten.

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Dieser Goldbrakteat (dünne Goldscheibe) mit der Darstellung eines berittenen Kriegers ist eine Grabbeigabe und wird auf die erste Hälfte des 7. Jh. datiert. Grabbeigaben sind bei den Langobarden kein Zeichen für noch nicht erfolgte Christianisierung. Sie setzen jedoch im dritten Viertel des 7. Jh. aus.

Art der Kunstwerke

Das Kircheninnere von S. Maria in Valle dokumentiert anschaulich Umbau- und Änderungspraxis in mittelalterlichen Kirchen, die als "Verbesserungen" und Adaptationen an neue Bedürfnisse ohne historische oder ästhetische Bedenken vorgenommen wurden: der untere Teil des aus dem 8. Jh. stammenden quadratischen Hauptraums, der "Aula", wurde mit einem Holzgestühl von 1371 ausgestattet, der ursprüngliche Eingang unter der stuckverzierten Archivolte wurde verlegt. Einige der Stuckfiguren überstanden den Einsturz der ursprünglichen Decke. Der hinzugefügte Presbyteriumsbereich (heutiger Eingang) wurde mit Gewölbefresken des 14. Jh. geschmückt.

Die in reicher Auswahl im Museo Archeologico ausgestellten Grabfunde, von denen hier nur ein Bruchteil wiedergegeben ist, sind entweder Erzeugnisse des Kunsthandwerks, wie die Fibeln, die Waffen und aus dem 8. Jh. auch die sakralen Gegenstände oder Dinge des täglichen Bedarfs. Bei den kunsthandwerklichen Objekten bleibt durchweg offen, woher die Hersteller kamen. Doch spiegeln die Objekte den Geschmack der Besitzer oder - modern gesprochen - die "Mode" ihrer Zeit und der Gruppe, der diese Besitzer angehörten.

Kommentar

Die Fresken der "Aula" unterhalb des Stuckbogens, die Christus zwischen den Erzengeln Michael und Gabriel zeigen, und die der Westwand sind zeitgleich entstanden und heute stark zerstört. Sie sind das Werk byzantinischer Künstler des 8. Jh. (Stilvergleich), die in der Zeit der bilderfeindlichen Kaiser (nach 730) ihr Auskommen im Westen suchten. Dekorative Formen und handwerkliche Perfektion der Stuckaturen legen die gleiche Entstehungszeit nahe. Die Datierung der Stuckfiguren, wohl Heilige darstellend und deutlich unter der Nachwirkung römischer Vorbilder entstanden, aber auch vergleichbar den Heiligendarstellungen der Mosaiken von S. Apollinare Nuovo in Ravenna aus dem Anfang des 6. Jh., ist mangels Vergleichsmaterial schwierig: Datierungen zwischen dem 8. und 10. Jh. werden vorgeschlagen.

Das von den Langobarden im Lauf des 7. Jh. nach und nach angenommene römische Christentum, das den alten Götterglauben und den von einigen von ihnen zunächst praktizierten Arianismus verdrängte, hat ähnlich wie bei Franken und (ab 589) bei Westgoten zur Übernahme römisch-christlicher Formen und Vorstellungen in der Kunst beigetragen. Zuwanderung, Akkulturation der Zugewanderten im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Wandel der vorherigen Strukturen kennzeichnen alle "regna" der sog. Völkerwanderungszeit.

Analyse und Datierung von Fundobjekten wie denen aus dem Museo Archeologico sind Sache der wissenschaftlichen Disziplinen Frühmittelalter-Archäologie und der Vor- und Frühgeschichte. Sie arbeiten vergleichend und relativ stark auch mit naturwissenschaftlichen Methoden.

Fragen, die man sich selbst oder anderen stellen kann

Welche Beweggründe konnten dazu führen, dass wandernde oder vertriebene Maler und Stuckateure von Langobarden beschäftigt wurden? Wodurch unterscheidet sich die Situation von Auftraggebern und Ausführenden des 8. Jh. im Langobardenreich von der der ostgotischen Auftraggeber und der spätrömischen Mosaikkünstler in Ravenna (Bild 1) um 500? Ist es überhaupt berechtigt, Objekte wie den Tempietto einerseits und die Funde aus Langobardengräbern nebeneinander zu stellen?

Links

Fotos des "tempietto" und des Ratchis-Altars. Der steinerne Ratchis-Altar zeigt Christus als Pantokrator in der Mandorla und umgeben von Engeln, ähnlich wie das stark zerstörte Fresko unterhalb des Stuckbogens des Tempietto.
Informationen zum "tempietto" und im linken Frame zu den Museen auf der offiziellen Seite der Stadt Cividale.
Zu didaktischen Zwecken wurden Fotos zu Gegenständen und Funden aus langobardischer Zeit gesammelt von der Seite Images in History.
Die Historia Langobardorum des Geschichtsschreibers Paulus diaconus, aus langobardischem Adel stammend und zeitweise im Umfeld Karls d. Gr. lebend, enthält in Buch IV cap. 22 die genaue Beschreibung eines Wandbildes in der von Königin Theodelinde erbauten Pfalz in Monza (nicht mehr vorhanden), das Langobarden mit Haartracht und Kleidung des 6. Jh. zeigte Paulus diaconus, Historia Langobardorum IV.

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