Spätmittelalterliche Tafelmalerei und Holzskulptur aus Süddeutschland

Aus dem 14. und 15. Jh. sind in zunehmender Zahl auf Holz gemalte Bilder, sog. Tafelbilder, und Holzskulpturen überliefert, deren Maler bzw. Holzschnitzer größtenteils so anonym sind wie in den vorhergehenden Jahrhunderten. Zweifellos haben sie nicht nur für kirchliche Auftraggeber gearbeitet, aber es sind fast nur die Werke erhalten geblieben, die sie für Kirchen schufen. Dass die Anzahl erhaltener Werke aus dem süddeutschen Raum besonders groß ist, ist sicher auch auf den seit der 2. Hälfte des 14. Jh. steigenden Reichtum des Bürgertums der dort besonders zahlreichen Städte zurückzuführen, das den kirchlichen Institutionen viele Stiftungen machte.

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Martin teilt seinen Mantel, um eine Hälfte einem Armen zu reichen. Oberdeutsch, um 1440. Diözesanmuseum Rottenburg a. Neckar

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Ausschnitt aus Bild 1. Text im Spruchband: "Martinus adhuc kathecominus hac veste me contexit" (Martin, noch Taufschüler, bekleidete mich mit diesem Mantel).

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Skulptur aus Weidenholz, um 1360, Jesus und sein Lieblingsjünger Johannes. Die Skulptur stammt aus Sulzdorf, Ostalpkreis und steht als Dauerleihgabe des Württ. Landesmuseums Stuttgart im Diözesanmuseum Rottenburg.

Besitz und alle Rechte: Diözesanmuseum Rottenburg

Art der Kunstwerke

1. und 2. Bild: Tafelbild. Tafelbilder sind als Einzelbilder (wie hier) und als Flügelaltäre erhalten. Ihre Dauerhaftigkeit ist abhängig von der Qualität des Holzes, seiner Ablagerung und Vorbearbeitung, der Qualität der Farben, der Sicherung der Holzplatten vor Verziehen, der Gleichmäßigkeit von Temperatur und Luftfeuchtigkeit. 3. Bild: Holzskulptur aus Weidenholz. Neben dem weichen, gerade und fein gemaserten Lindenholz wird das ebenfalls weiche, besonders leichte und gleichmäßig strukturierte Weidenholz für Holzskulpturen, die uns seit dem 14. Jh. in steigender Zahl erhalten sind, am häufigsten benutzt.

Kommentar

Beide Kunstwerke stammen aus dem süddeutschen Raum und sind, wie im Mittelalter meist, unsigniert: es kam auf die Aussage, nicht auf die Person des Künstlers an.

1. und 2. Bild: Dargestellt ist eine bekannte Episode aus der Martinslegende, die Mantelteilung. Das gut erhaltene Bild ist nicht nur von hoher künstlerische Qualität (beachten Sie Raumaufteilung und Farbgebung), sondern auch von erheblicher historischer Aussagekraft. Verfasser der im Mittelalter weit verbreiteten Vita sancti Martini, war der aus Aquitanien stammende gallo-römische Aristokrat Sulpicius Severus (ca. 360-420/425), der als jüngerer Zeitgenosse über Martin (gest. 397) berichtet. Die Vita wurde Vorbild für viele mittelalterliche Heiligenviten. In c. 3 der Vita erzählt Sulpicius Severus, wie Martin, ein junger römischer "miles", Sohn eines Veterans und von daher zum Militärdienst (Martinus = der dem Kriegsgott Mars zugehörige) verpflichtet, obwohl Taufschüler (Katechumene) mit asketischen Neigungen, vor dem Tor der Stadt Amiens einem unbekleideten Armen begegnet und mit seinem Schwert seinen Militärmantel ("chlamys") teilt, um den Armen mit der einen Hälfte zu bekleiden. In der darauf folgenden Nacht sieht Martin im Traum den mit der Mantelhälfte bekleideten Christus, der zu den ihn umgebenden Engeln sagt:"Martinus adhuc catechumenus hic me veste contexit" (Martin, noch nicht getauft, hat mich mit diesem Mantel bekleidet). Erst später wird Martin nach ausführlicher Taufschulung Christ. - Die verschiedenen Erzählepisoden "verbindet" (im eigentlichen Sinn) der Maler durch den roten Mantel. Die Engel ersetzt er durch stilisierte Wolken. Martin erscheint nicht in römischer Militärkleidung sondern im Gewand eines Ritters des 15. Jh. zu Pferd (obwohl die Vita kein Pferd erwähnt). Der Arme ist nicht unbekleidet, sondern als invalider Bettler ohne Füße dargestellt. Das Spruchband (s. 2. Bild) bringt fast wörtlich das Zitat aus c. 3 der Vita sancti Martini des Sulpicius Severus. - Zur Ergänzung: Der Martinskult verbreitete sich früh vor allem (aber nicht nur) im karolingischen Frankenreich. Das Martins-Patrozinium tragen u. a. (außer dem Dom zu Rottenburg; aus dem dortigen Diözesanmuseum stammt das Bild) das Kloster St. Martin in Tours und der Mainzer Dom. Die "cappa sancti Martini" (die Mantelhälfte) wurde karolingische Königsreliquie und namengebend für die königliche "Kapelle" (= Gesamtheit der Geistlichen am Königshof und Aufbewahrungsort der Reliquien). Die Vorstellung von Martin als Reiterheiligem verwurzelte sich im Brauchtum.

3. Bild: Jesus und sein Lieblingsjünger Johannes. Das Werk eines unbekannten Künstlers wurde wegen seiner Schönheit ausgewählt; neben dem bekannten Tilmann Riemenschneider (1468-1531) gab es schon ein Jahrhundert früher in Süddeutschland zahlreiche, weniger bekannte Holzbildhauer.

Fragen, die man sich selbst oder anderen stellen kann

Zum Martinsbild: Welche inhaltlichen Aussagemöglichkeiten eröffnet die ikonographisch feste Darstellung Martins als Reiter für die Szene der Mantelteilung? Welche Gründe könnten den Maler zur Einfügung des Spruchbandes veranlasst haben? Die Darstellung des unbekleideten Armen als zumindest teilweise bekleideter, bettelnder Invalider findet sich häufig im Mittelalter; wie erklären Sie sich diesen Wandel? Wenn der Verlust der Füße (durch Unfall oder Krankheit, z. B. Lepra) zu Armut und Betteln führt, welche Folgerungen lassen sich dann für die "sozialen Sicherungssysteme" der Zeit ziehen? Erklären Sie die mechanischen Hilfen des Bettlers (Rollbretter und Stock) und seine Tasche! Vergleichen Sie Montur von Reiter und Pferd im Martinsbild mit Montur von Reiter und Pferd im berühmten Standbild des Kaisers Marcus Aurelius (161-180 n. Chr.) im Museum des Kapitols in Rom bzw. auf der Piazza del Camidoglio (Nachbildung)! Benutzen Sie die italienische Wikipedia-Seite, die die Nachbildung des Standbilds in Seitenansicht zeigt: Standbild des Kaisers Marcus Aurelius auf der Piazza del Campidoglio, Rom.

Links

Aus Anlass der Stelle aus der Vita sancti Martini des Sulpicius Severus sei auf die hervorragende Informationsquelle der Latin Library im Netz hingewiesen, über die eine große Zahl von Werken lateinischer Autoren der Antike und des frühen Mittelalters auf dem Internet zugänglich sind.
Zugangsseite der Latin Library. Die vollständige Autorenliste finden Sie dort unter dem Link "Credits". Sie enthält auch die Herausgebernamen.
Die Vita sancti Martini des Sulpicius Severus finden Sie in der Latin Library unter Vita sancti Martini und können dort das Zitat in c. 3 nachlesen.
Eine Vergleichsmöglichkeit mit Martinsdarstellungen des 15. Jh. eröffnet sich Ihnen über die schon im Bild 5 genannte Bilddatenbank der Bibliothèque municipale de Lyon, wenn Sie in die Maske im Feld Légende de l'image "saint Martin" eingeben und dann auf "Tableau" klicken: Sie finden 3 Initialen mit Darstellung der Szene der Mantelteilung

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