Fresken aus Berghausen im Sauerland (Anfang 13. Jh.)

Mittelalterliche Fresken, Wandmalereien, sind aus Kirchenräumen in geringem Umfang erhalten. Vielerorts wurden sie bei Umbauten und Renovierungen im Lauf der Jahrhunderte zerstört. Fast alle erhaltenen Fresken zeigen biblische Themen. Die hier in einigen Details gezeigten Fresken der dörflichen Kirche von Berghausen bei Schmallenberg, die die Apsis der Kirche schmücken, wurden 1936 unter Übermalung wieder entdeckt. Sie boten sich für den Veröffentlichungszweck an, weil sie mit der Darstellung der Fortuna ein nicht-biblisches Zeitthema und mit der Ikonographie der Stammesältesten einen Zeitbezug aufweisen.

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Berghausen, Sauerland: im oberen Teil rechts neben dem Apsisfenster ist links Moses mit den Ältesten der zwölf Stämmer Israels dargestellt; rechts in der Wölbung: Samson, zwei Pfosten tragend, vor dem Stadttor (von Gaza), nach Richter 16, 1-3.

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Vergrößerter Ausschnitt aus der vorherigen Darstellung.

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Links unten neben dem Apsisfenster: Das Rad der Fortuna.

Besitz und alle Rechte: Pfarrkirche Berghausen

Art des Kunstwerks

Freskenmalerei muss sich den Wand- und Deckenwölbungen anpassen bzw. diese nutzen, was bei den relativ kleinräumigen mittelalterlichen Landkirchen wie Berghausen und Brinay-sur-Cher (Link) besonders schwierig ist. Die in mittelalterlichen Fresken verwendeten Farben sind weiß, schwarz, ockerfarben von gelb bis dunkelrot und Blautöne, die sich im Lauf der Zeit meist in Richtung dunkelblau/schwarz oder grün verändern. Gesichtszüge werden meist skizzenhaft aufgetragen.

Kommentar

Das Deckengewölbe der Berghausener Apsis zeigt Christus mit Buch thronend in der Mandorla (Oval), umgeben von den vier Evangelistensymbolen, links flankiert von Maria und Johannes, rechts von Petrus und dem Kirchenpatron Cyriacus. In der Laibung des Apsisfensters ist links die Verkündigung an Maria, rechts die Taufe Christi dargestellt. Diese neutestamentlichen Themen werden durch die andersartigen Themen auf den beiden zylindrischen Wandpartien links und rechts neben dem Apsisfenster ergänzt, die jeweils in ein oberes und ein unteres Band unterteilt sind. Das obere Band bringt alttestamentliche Themen: links Abraham schickt sich an, seinen Sohn Isaac zu opfern, daneben Moses vor dem brennenden Dornbusch; rechts Moses mit den Ältesten der Stämme (s. oberes Bild), daneben Samson vor dem Stadttor von Gaza. Das untere Band zeigt links das Rad der Fortuna (s. o.), rechts St. Nikolaus hilft Seeleuten in Not.

1. und 2. Bild: Die Szenen aus dem Alten Testament haben, wie so oft im Mittelalter, präfigurierenden Charakter, d. h. das Opfer Isaacs wird in Beziehung gesetzt zum Opfertod Christi, die Ältesten der zwölf Stämme (Nachkommenschaft der zwölf Söhne Jakobs) "präfigurieren" die zwölf Apostel. Dieses typologische Denken stellt die Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament her. - Der Freskenmaler ist präzise: die zwölf Stämme werden durch die zwölf Stangen symbolisiert, die sich in dem Bottich neben Moses befinden. Moses wird mit dem Lichtkranz und den Strahlen dargestellt, die ihn bei der Rückkehr von der Gottesschau auf dem Sinai auszeichneten (2 Moses 34, 29). Es sind zwölf Älteste (der Stämme), zu denen er spricht (zählen Sie die Hüte und die Stangen nach!). Die Ältesten sind in durchaus origineller Weise als Juden gekennzeichnet, wie man sie Anfang des 13. Jh. und im späteren Mittelalter kannte: sie tragen spitze Hüte. Auch das Stadttor von Gaza ist zweigeschossig und wie ein Stadttor des späteren Mittelalters dargestellt: Vergangenes wird so vorgestellt und verstanden, als vollzöge es sich in der eigenen Zeit. (N.B. Das Verfahren heutiger Regisseure, Stücke aus dem historischen Kontext zu lösen und in moderne Kostümierung zu stecken, ist also keineswegs genial sondern "finsteres Mittelalter"!!). Das Vierte Laterankonzil hatte 1215, also etwa zeitgenössisch zur Entstehung der Fresken, in Kap. 68 (Mansi, Concilia Bd 22 Sp. 1055f.) festgelegt, dass Juden (und Muslime) sich in der Kleidung ("habitus") von ihrer christlichen Umwelt unterscheiden sollten, um verbotenen Ehen vorzubeugen - ohne hinsichtlich der Kleidung ins Detail zu gehen (die Praxis war in den einzelnen Ländern Europas und den Kreuzfahrerstaaten sehr unterschiedlich).

3. Bild: Die unteren Bereiche der beiden Fresken links und rechts in den zylindrischen Wandpartien der Apsis sind stärker zerstört. Das Rad der Fortuna wie auch die Figur rechts sind aber deutlich zu erkennen, kaum jedoch die Person links und unter dem Rad. Das Rad der Fortuna - ein vorchristliches Motiv - erfreut sich besonders im 13. Jh. großer Beliebtheit. Am bekanntesten sind Gedicht und Miniatur in den um 1230 aufgezeichneten, auf älteres Liedgut zurückgehenden Carmina Burana, die durch die Vertonung Carl Orffs bekannt wurden: "O Fortuna - velut luna - statu variabilis- ... sors immanis - et inanis - rota tu volubilis..." (Oh Fortuna, wie der Mond von wechselnder Gestalt ... schreckliches und eitles Geschick, du unbeständiges Rad...). Zu den Carmina Burana, auch mit Wiedergabe der Rad-Miniatur in der Handschrift: Artikel Carmina Burana in Wikipedia

Fragen, die man sich selbst oder anderen stellen kann

Zu Bild 1: die Szene ist symmetrisch aufgebaut und durch Übergreifen in das obere begrenzende Band aufgelockert. Wie löst der Maler das Problem der Perspektive? Lassen sich aus den Kleidungsunterschieden zwischen Moses einerseits, den Ältesten andererseits Schlussfolgerungen ziehen? Zu beiden Bildern: Welche technischen Hilfsmittel hat der Maler bei dem Rad, den Stangen, den Mauern verwendet? Bedenken Sie bei Ihren Überlegungen die zylindrische Form der Wandpartien! Angesichts der Originalität der beiden in Bild 1 und Bild 3 vorgestellten Szenen: wie kann man sich die Planung solcher Freskenzyklen vorstellen?

Links

Auf dem Netz sind unter der Prämisse, nicht nur Biblisches sondern auch Zeittypisches aufzuspüren, lediglich vergleichbare Fresken aus Frankreich verfügbar. Der Landkirche von Berghausen ist die Dorfkirche von Brinay/Frankreich, in der Nähe von Bourges, vergleichbar, doch gehören die Fresken von Brinay dem 12. Jh. an. Sie bieten neben biblischen Themen auch Darstellungen monatstypischer Arbeiten, die man gut in Beziehung setzen kann zu den entsprechenden Darstellungen im Breviari d'amor auf der vorigen Bildseite. Vergleichen Sie etwa das Motiv des Sich-am-Feuer-Wärmens für den Februar!
Die Fresken der Kirche von Brinay-sur-Cher
Groß und hell ist die Abteikirche von St. Savin-sur-Gartempe, in der Nähe von Poitiers, deren prachtvolle Fresken eine Fläche von fast 400 Quadratmetern bedecken und aus dem 11. Jh. stammen. Einige von ihnen sind auf dem Internet zugänglich:
Fresken aus St. Savin-sur-Gartempe

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