Bilderhandschrift des Breviari d'amor von Matfre Ermengaud (14. Jh.)

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Bibliothèque municipale de Lyon, Ms. 1351, folios 39v-40. Matfre Ermengaud, Breviari d'amor.

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Bibliothèque municipale de Lyon, Ms. 1351 fol. 39v, Detail zum Monat Februar: ein Mann wärmt sich am Feuer den Fuß.

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Bibliothèque municipale de Lyon, Ms. 1351 fol. 40, Detail zum Monat Juni: Heuernte

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Bibliothèque municipale de Lyon, Ms. 1351 fol. 40, Detail zum Monat Juli: Getreideernte

Besitz und alle Rechte: Bibliothèque municipale de Lyon. Nutzungsrecht auf dieser Homepage mit Genehmigung der Bibliothek, die Adressat für alle Benutzungsrechte bleibt.
Crédit photographique Bibliothèque municipale de Lyon, Didier Nicole.

Art des Kunstwerks

Bilderhandschrift. Während sich der Bildschmuck der Prachthandschriften des früheren Mittelalters (Beispiel: der St. Galler Codex, Bild 3) auf einige Bildseiten und einige ausgeschmückte Initialen beschränkt, werden in spätmittelalterlichen Bilderhandschriften zahlreiche Bilder zum Schmuck, zur Illustration oder zur Belehrung in die Texte integriert. Bildschmuck dieser Art findet man vor allem in Werken, die in der jeweiligen Volkssprache und damit für ein nicht-geistliches Publikum verfasst sind, so auch in dem in okzitanischer Sprache (langue d'oc) geschriebenen "Breviari d'amor", unserem Beispiel, oder in der mittelhochdeutschen Manessischen Handschrift (unser Link).

Kommentar

Die in der Bibliothèque municipale von Lyon aufbewahrte Handschrift des 14. Jh., Ms. 1351, ist wie andere Bilderhandschriften dieser Bibliothek durch eine abfragbare Datenbank erschlossen (s. unter Links). Der Verfasser (nicht der Schreiber), Matfre Ermengaud, war ein in Béziers geborener Franziskaner, der in seinem um 1290 in okzitanischer Sprache geschriebenen "Breviari d'amor" in fast 34600 acht-silbigen Versen die Schönheit der Welt als Werk Gottes preist, die menschliche Liebe aus franziskanischer Spiritualität in Gottes Heilsplan einbettet, und in das von der Erschaffung der Welt bis zum Pfingstwunder thematisch gespannte Werk seine Kenntnisse der Astronomie und der Minnelyrik der Troubadours einordnet. Das Werk wurde handschriftlich relativ stark verbreitet. Die Lyoner Handschrift enthält reichen Bilderschmuck, in der 1. Hälfte des Buches überwiegend farbig, ab S. 100 mehr und mehr als einfache Schwarz-Weiß-Skizzen.

1. Bild: Die beiden Seiten der Handschrift (Rückseite - verso - von 39 und Vorderseite - recto - von 40) mit den Versen zu den Monaten Februar bis Juli. Die drei, unten nicht vergrößert wiedergegebenen Bilder zeigen die Rebenbeschneidung im Frühjahr, zwei junge Leute in voller Frühjahrsvegetation und einen Reiter, der mit seinem Falken und Hund auf die Jagd geht. Texte und Bilder sind zweispaltig angeordnet. Seiten- und Spaltenspiegel sowie Linien sind vorgezeichnet. Alle Bilder sind mit unterschiedlichen Umrahmungen versehen.

2. Bild: Die Bildszene zum Februar zeigt einen auf einem Stuhl sitzenden Mann, der seinen rechten Stiefel ausgezogen hat, um sich am Feuer eines gemauerten Kamins den Fuß zu wärmen.

3. Bild: Die Bildszene zum Juni zeigt einen Mann mit Sense bei der Heuernte. Der Vorgang ist präzise beobachtet. Das große Schneidegerät wird mit beiden Händen geführt.

4. Bild: Wie das Bild zur Heuernte ist auch das zur Getreideernte diagonal aufgebaut, gewinnt aber Dynamik dadurch, dass der Inhalt den Rahmen "sprengt". Die Sichel ist bis ins beginnende 20. Jh. das Standardgerät für die Getreideernte. Sie ermöglicht eine pfleglichere Behandlung des Erntegutes als die Sense. Die Sichel wird mit der linken Hand geführt, das Getreide mit der rechten Hand gebündelt gehalten, damit möglichst wenig Körner verloren gehen. Der Vorgang des Bindens ist hier nicht gesondert dargestellt.

Fragen, die man sich selbst oder anderen stellen kann

Was fällt Ihnen bei der Anordnung der Bilder auf den beiden Buchseiten auf? Welche Bildelemente stimmen bei der Heuernte und der Getreideernte überein? Wie erklären Sie die Übereinstimmungen? Setzen Sie die unterschiedliche Höhe der Stiefelschäfte in den Bildern "Heuernte" und "Getreideernte" in Beziehung zur dargestellten Tätigkeit! Sind bei den drei Männerdarstellungen Standesunterschiede erkennbar?

Links

Suchmaske für die Bilderhandschriften der Bibliothèque municipale von Lyon
Sie können (in begrenztem Umfang) thematisch suchen. Wenn Sie den Titel "breviari d'amor" eingeben, erhalten Sie in "tableau" eine Tabelle der verfügbaren bebilderten Handschriftenseiten.
Um die stilistische Bandbreite spätmittelalterlicher Bilderhandschriften klar zu machen, wird auf den berühmten, zur besprochenen Lyoner Handschrift etwa zeitgleichen (1305-1340 entstandenen) Codex Manesse verwiesen, dessen Bilder von der Heidelberger Universitätsbibliothek ins Netz gestellt wurden.
Manessische Liederhandschrift
Beim "Blättern" werden ikonographische Stereotypen genauso deutlich wie die künstlerische Ausgefeiltheit, gerade im Vergleich mit den eher rustikalen Darstellungen im "Breviari d'amor". Wem die kämpfenden, helmverhüllten Ritter und ihre fernen, lächelnden und Blumenkranz schwenkenden Damen zu langweilig werden, der sei auf Bl. 256v und 381r hingewiesen, wo verbeulte Helme zurecht gebogen und gehämmert werden, auf die Szenen mit Musikinstrumenten Bl. 146r, 312r, auf die einzige Szene mit Bettlern und Krüppeln Bl. 113v oder die Badeszene Bl. 46v.

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