Schriftbeispiele vom 8. bis 13. Jh.

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Linke untere Ecke einer Originalurkunde Pippins des Jüngeren von 751, auch in der Edition der Arnulfingerurkunden (dort vergrößerbar), Arch. Nat. Paris K//4 no. 6/1, benutzt mit Genehmigung der Archives Nationales, Paris.

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Handschrift der Bonifatiusbriefe, 9. Jh., Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Rastatt 22 f. 52v, auch in Einführung Mittelalter - 8. Jh.(im Zusammenhang mit der Tätigkeit des Bonifatius) benutzt mit Genehmigung der BLB Karlsruhe.

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Urkunde des Bischofs Hugo von Lüttich für das Kloster Valdieu, 1225, Univ.- und Landesbibliothek Bonn, Lv 212, benutzt mit deren Genehmigung.

Schriftentwicklung - Beitrag zu paläographischen Kenntnissen

Beim ersten und dritten Bild handelt es sich um Urkundenschriften, beim zweiten um eine Buchschrift, die mit der der Bildseite 3 vergleichbar ist. Es folgen hier zunächst Teillesungen zu den drei Abbildungen. Achten Sie bitte besonders auf die Buchstaben a, d, e, g. An ihnen werden die Unterschiede besonders deutlich. Am einfachsten für den Vergleich: Sie erstellen sich eine Buchstabentafel für diese vier. Bei allen folgenden Lesungen wird der Beginn einer neuen Zeile durch / markiert, Kürzungen werden aufgelöst und die abgekürzten Partien in runde Klammern gesetzt.
Bild 1, Lesung der beiden letzten Zeilen, wobei zu beachten ist, dass die Signumzeile in vergrößerter Schrift steht: casa proficiat et aevis et futuris temporibus inconvulsa vel firma debeat permanere manu propria / Signum + inlustri viro Pippino maior domus.
Bild 2, Lesung der ersten vier Zeilen des mit der Initiale I beginnenden Kapitulars ohne die nachgetragenen Buchstaben auf der rechten Seite. Die erste Zeile steht in Majuskeln (Großbuchstaben): IN NOMINE D(OMI)NI N(OST)RI JESU CHRISTI (feststehendes Kürzel IHU XRI) EGO CARLMANNUS DUX / et (feststehendes Kürzel) princeps francoru(m) anno ab incarnatione Christi (xri) sep / tingentessimo XLII. XI k(a)l(endas) mai(i) cum consilio servorum / et (Kürzel) optimatum meoru(m) episcopos qui in regno meo sunt.
Bild 3: Die Lesung der 1. Zeile wird im Kapitel zum 13. Jh. der Einführung Mittelalter geliefert. Hier die Lesung der beiden letzten Zeilen: aut(em) hui(us)modi donat(i)o(n)em ratam habentes et (Kürzel) acceptam con(Kürzel)firmam(us) et in testimonium hui(us) f(a)c(t)i litt(er)is p(re)sentib(us) sigillum n(ost)r(u)m appendim(us). Dat(um) anno gr(ati)e . M°. CC°. XX° quinto. mense martio.

Kommentar

Die Pippin-Urkunde (1. Bild) ist in einer späten Merovingica geschrieben, einer aus der spätrömischen Kursive hervorgegangenen sog. "Nationalschrift". Es ist eine Urkundenkursive, d. h. eine Schrift, in der die Buchstaben miteinander verbunden werden (wie in unserer Schreibschrift). Typisch ist der ungelenke Charakter, die starke Betonung der Mittel- und Oberlängen, die eher schwach ausgeprägten Unterlängen. Charakteristisch ist das oben offene a, das sich allerdings in Urkundenschriften bis zum 10. Jh. findet, die Oberhaken bei e und c, der Unterhaken bei d, das o.
Die Schrift des Karlmann-Kapitulars in der Karlsruher Handschrift (2. Bild) stammt aus derselben Zeit wie der St. Galler Folchart-Psalter, den wir auf der vorigen Bildseite kennen gelernt haben. Die Übereinstimmungen sind offensichtlich, nur ist der Folchart-Psalter anspruchsvoller - man vergleiche die Initialen! Beide Handschriften sind in einer karolingischen Buchminuskel geschrieben, deren Buchstaben deutlicher voneinander abgesetzt und damit besser lesbar sind als in der Merovingica des ersten Beispiels. Die Zahl der Kürzungszeichen steigt in karolingerzeitlichen Handschriften. Die Unterschiede gegenüber dem 1. Bild sind bei a, e und d besonders deutlich. Ober-, Mittel- und Unterlängen haben etwa gleiche Ausmaße, was ein ausgewogenes Schriftbild bewirkt.
Das letzte Beispiel (3. Bild) zeigt eine gotische Urkundenschrift. Charakteristisch sind insgesamt die Brechungen der Bögen, besonders auffallend bei m und n, die Stärke der Abstriche, die linksläufigen Oberlängen besonders beim d. Gotische Schriften lösen die karolingische Minuskel seit der 2. Hälfte des 12. Jh. ab. Die Ablösung der Rundbögen durch Spitzbögen kennen wir auch aus der Architektur. Dies ist ein zeittypisches Stilelement. Gotische Schriften wirken unruhiger und dynamischer. Die Zahl der Kürzungen nimmt zu. Für einige häufig vorkommende Silben wie prae/pre und con gibt es feste Kürzungszeichen; diese werden jedoch nicht konsequent verwendet. Einziges Interpunktionszeichen ist der auf der Mittellinie mittig gesetzte Punkt. Das hochgesetzte o über den römischen Zahlzeichen (M° = millesimo) ist Standard.

Fragen, die man sich selbst oder anderen stellen kann

Auch wenn jeder Schreiber individuelle Eigenarten hat, sind doch zeittypische Elemente auszumachen. Wie würden Sie insgesamt das formale Ideal der karolingischen Minuskel charakterisieren? - Kürzungszeichen können die Funktion haben, den Text zu kürzen und dadurch Material und Schreibarbeit zu sparen. Finden Sie Beispiele, wo dieses Argument nicht "zieht"! - Benennen Sie bei einigen Buchstaben der gotischen Schrift (z. B. h, s, g) Zierelemente (die im übrigen nicht konsequent verwendet werden)!

Links

Hervorragendes Lernmaterial stellt die Pariser Ecole des Chartes mit ihren "dossiers" zur Verfügung, on-line Faksimilierungen von dort vorhandenen Beispielen, Büchern des Zeitraums 5.-15. Jh. und Dokumenten (Urkunden) des Zeitraums 11.-15. Jh. Als Einübung in alte Schriften ist das Material besonders geeignet, weil, wenn man mit dem Zeiger auf die Zeile geht, in einem kleinen Fenster die Lesung gegeben wird. Außerdem werden je nach Stück paläographische, diplomatische oder linguistische Kommentare geboten, eine vollständige Transkription und bei den latein. Texten eine Übersetzung (ins Französische). Es gibt nichts annähernd Vergleichbares in deutscher Sprache.

Ecole des Chartes, Dossiers

Hingewiesen sei auch auf die von der Kölner Universitätsbibliothek realisierte Digitalisierung des unverzichtbaren Abkürzungslexikons von Adriano Cappelli, in der 2. Aufl. von 1928

Cappelli, Lexicon Abbreviaturarum


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