Spätkarolingische Buchmalerei und Initialenkunst im Kloster St. Gallen

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Cod. Sangall. 23 (Folchart-Psalter) p. 9, Stiftsbibliothek St. Gallen/Codices Electronici Sangallenses

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Cod. Sangall. 23 p. 55, Stiftsbibliothek St. Gallen/Codices Electronici Sangallenses

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Art des Kunstwerks

Buchmalerei und kalligraphische Schreibkunst. Beide Bilder entstammen dem zwischen 872 und 883 im Kloster St. Gallen gefertigten Folchart-Psalter, einem Meisterwerk spätkarolingischer Buchkunst. Informationen in der Beschreibung der Handschrift im CESG von Anton Van Eeuw. Folchart leitete das Skriptorium. Er nennt sich selbst und den Abt, in dessen Auftrag er die Handschrift anfertigen ließ, in der Kopfzeile von p. 26-27, dem Beginn des eigentlichen Psalters, und gibt auf den folgenden beiden Seiten (28-29) Erläuterungen zur Textgestaltung.

Kommentar

Das Kloster St. Gallen, im 7. Jh. von Gallus, einem Schüler des Iren Columban, gegründet, bewahrt einen ungewöhnlich reichhaltigen Schatz an original erhaltenen schriftlichen Quellen, Urkunden und Codices (Bücher), die Zeugnis ablegen von Reichtum, Gelehrsamkeit, Qualität des Skriptorium (Schreibschule) und der Bibliothek. St. Gallen ist mit dem Kloster Reichenau bis ins Hochmittelalter das herausragendste benediktinische Kloster des alemannischen Raums, von Königen wie Adel gleichermaßen gefördert und besucht.

1. Bild: Der gesamte Pergamentcodex ist zweispaltig angelegt. Seite 9 leitet die den Psalmen vorgeschalteten Litaneien mit einem Prachtblatt ein: drei verzierte Säulen tragen in zwei halbrunden Feldern Bilddarstellungen, links den schreibenden König David, rechts eine Gruppendarstellung von acht Schreibern, Kopisten und Schülern des Klosters, als solche kenntlich durch ihre Schreibgeräte, Tintenfass und Schreibtafel. Die beiden Spalten zwischen den Säulen enthalten auf pupurgefärbtem Grund in goldener Schrift Gebetsanrufungen von Heiligen.

2. Bild: Als Beispiel für die Initialenkunst wurde die Seite 55 mit dem Ende des Ps. 15 und dem Beginn (dort die Initiale) des Ps. 16 ausgewählt. Die spiegelverkehrten Großbuchstaben in der Mitte und auf dem rechten Rand des Blattes scheinen von der Rückseite durch. Hier die Lesung des Textes in der rechten Spalte bis zur Mitte - Zeilenende wird durch / markiert, Sonderzeichen (So) werden am Schluss erklärt - : Notas mihi fecisti vias / vitae. adimplebis / me laetitia cum / vultu tuo (So1) delecta / tiones in dextera / tua (So2) usq; in finem (bis hierhin Ps. 15, 11). Ps. 16 beginnt mit der Initiale E auf purpurgefärbtem Grund, mit goldener und grüner Zeichnung verziert. Über der Initiale: ORATIO DAVID (als Großbuchstaben sind A, R, T eindeutig auszumachen, die anderen sind größer geschrieben, aber haben die Form der entsprechenden Kleinbuchstaben). Dann die Initiale und rechts davon: Ex / au / di / dne (So3) / iusti / ti / und weiter unter dem Bild am meam (So1) inten / de deprecatione (So3) / meam.
So1, ein umgedrehtes Semikolon, fungiert als Komma. So2, ein Doppelpunkt mit dazwischen geschriebenen Bindestrich, markiert eine Sprechpause. Das Semikolon hinter usq(ue) ist ebenso ein Kürzungszeichen wie der horizontale Strich So3. Während So3 Kürzung für einen oder mehrere Buchstaben sein kann (hier: domine und deprecationem), bedeutet q; immer que.

Der Beschreibstoff ist ein hochwertiges Pergament (Rindshaut). Bei 368 Seiten und einem Seitenformat (beschnitten) von 38x29 cm, also einer Doppelseite von 58 cm Breite (mehrere Doppelseiten werden zu Lagen zusammengebunden, mehrere Lagen zum Gesamtcodex), kann man abschätzen, wie viele der teuren Tiere ihre Haut für den Psalter lassen mussten (es wurden nur die geraden und einwandfreien Stücke benutzt). Die Farben sind Naturfarben, Mineralien (Gold) oder organische Stoffe (z. B. Purpurschnecken).

Fragen, die man sich selbst oder anderen stellen kann

Warum sind solch kostbare und kostspielige Handschriften angefertigt worden? Veranschaulichen Sie sich Maße, Umfang und Gewicht des Codex: würden Sie ihn als Gebrauchshandschrift bezeichnen? Was kann man aus dem hervorragenden Erhaltungszustand der Handschrift schließen? Wenn Sie bedenken, dass mehrere Personen am Schreib- und Ausmalungsvorgang beteiligt waren, wie würden Sie "Schreibschule= Skriptorium" definieren? Welche "Zuliefererdienste" waren für solch ein Skriptorium nötig?

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